Der wichtigste Wert Liberaler ist die individuelle Freiheit, zu der auch jene Freiheit gehört, die oft abwertend “wirtschaftliche Freiheit” genannt wird. Als ob man diese von anderen “Freiheiten” trennen könne. Natürlich will sich kaum jemand als Gegner der Freiheit bezeichnen. Deshalb muss der Begriff der Freiheit umgedeutet und manchmal bis zur Unkenntlichkeit verändert werden.
Das Blog libera.lism.us, dessen Ziel eine “Neubelebung des Liberalismus von links” sein soll, postuliert in diesem Beitrag einen “neuen”, erweiterten und im Endeffekt äusserst schwammigen Freiheitsbegriff. Der Autor greift dabei auf Isaiah Berlins Konzepte der “negativen” und der “positiven” Freiheit zurück. Die “negative” Freiheit, verstanden als Freiheit von (Zwang, Willkür etc.) Die “positive” Freiheit als Freiheit zu (selbstbestimmtem Handeln).
Berlin hat die “negative” Freiheit bevorzugt und stets verteidigt. Zu oft wurde in der Geschichte die “positive” Freiheit missbraucht, um Unfreiheit und Totalitarismus zu rechtfertigen. Für die “Liberalen von links” ist “positive” Freiheit gleichbedeutend mit staatlichen Transferleistungen, die selbstverständlich mit Zwangsabgaben, und somit massiven Eingriffen in die “negative” Freiheit, finanziert werden.
Es wird behauptet, ohne “positive” Freiheit - in ihrem Verständnis also Umverteilung - sei “negative” Freiheit nicht möglich. Dabei verwechseln sie die Bedingungen zur Ausübung von Freiheit mit der Freiheit selbst. Berlin betonte dies in Positive versus negative Liberty:
It is important to discriminate between liberty and the conditions of its exercise. If a man is too poor or too ignorant or too feeble to make use of his legal rights, the liberty that these rights confer upon him is nothing to him, but it is not thereby annihilated. The obligation to promote education, health, justice, to raise standards of living, to provide opportunity for the growth of the arts and the sciences, to prevent reactionary political or social or legal policies or arbitrary inequalities, is not made less stringent because it is not necessarily directed to the promotion of liberty itself, but to conditions in which alone its possession is of value, or to values which may be independent of it. And still, liberty is one thing, and the conditions for it are another.
Niemand wird behaupten, in der Schweiz sei jemand zu arm, um von seinen gesetzlichen Rechten Gebrauch zu machen. Trotzdem hätte dies nichts mit der Garantie von Freiheit zu tun, sondern mit der Fähigkeit, diese Freiheit zu nutzen. Eine klare Begriffsabgrenzung ist hier von Nöten, damit Freiheit nicht beliebig wird. Wer diese Unterscheidung nicht macht, konzentriert sich zu stark auf die Bedingungen und vergisst dabei die Freiheit selbst. Berlin warnte davor:
In their zeal to create social and economic conditions in which alone freedom is of genuine value, men tend to forget freedom itself; and if it is remembered, it is liable to be pushed aside to make room for these other values with which the reformers or revolutionaries have become preoccupied.
[…]
Those who are obsessed by the truth that negative freedom is worth little without sufficient conditions for its active exercise, or without the satisfaction of other human aspirations, are liable to minimize its importance, to deny it the very title of freedom, to transfer it to something that they regard as more precious, and finally to forget that without it human life, both social and individual, withers away.
Wer Freiheit mit Umverteilung verwechselt, hat nicht eine “neue” Freiheit, sondern eine alte sozialistische Forderung nach Gleichheit im Sinn. Schon Hayek wusste dies. Da ich es nicht besser formulieren könnte, ein längeres Zitat zum sozialistischen Freiheitsbegriff:
Um das zugkräftigste politische Motiv, nämlich die Sehnsucht nach Freiheit, vor seinen Wagen zu spannen, ging der Sozialismus immer mehr dazu über, dem Volk eine “neue Freiheit” zu versprechen. Die Ära des Sozialismus sollte den Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit bedeuten. […]
Die leichte Änderung, die an dem Sinn des Wortes Freiheit vorgenommen wurde, um dem Argument Überzeugungskraft zu verleihen, ist bedeutungsvoll. Für die grossen Apostel der politischen Freiheit hatte dies Wort Befreiung von Despotie bedeutet, Befreiung von der Willkür anderer, Befreiung von den Bindungen, die dem Individuum keine andere Wahl liessen als Gehorsam gegenüber den Befehlen eines Vorgesetzten, von dem es abhängig war. Die neue Freiheit dagegen, die in Aussicht gestellt wurde, sollte eine Freiheit von Not sein, eine Befreiung aus dem Zwang der Umstände, die uns allen nur eine begrenzte Wahl der Lebensgüter lassen, wenn auch für den einen sehr viel mehr als für den anderen. Bevor die Menschen wahrhaft frei sein konnten, mussten der “Despotismus physischer Not” gebrochen und die “Beschränkungen des Wirtschaftssystems” gelockert werden.
Freiheit in diesem Sinne ist natürlich nur ein anderer Ausdruck für Macht oder Reichtum. […] Worauf das Versprechen in Wahrheit hinauslief, war die Zusicherung, dass die bestehenden grossen Unterschiede in den wirtschaftlichen Möglichkeit der Individuen beseitigt werden sollten. Wenn man also die neue Freiheit forderte, so meinte man damit nichts anderes als den alten Anspruch auf gleichmässige Besitzverteilung. […]
Es unterliegt keinem Zweifel, dass das Versprechen einer grösseren Freiheit eine der wirksamsten Waffen der sozialistischen Propaganda geworden ist und dass der Glaube, der Sozialismus werde die Freiheit bringen, echt und aufrichtig ist. Dies wäre um so tragischer, wenn sich der Weg, den man uns als den Weg in die Freiheit versprochen hatte, in Wahrheit als die breite Heerstrasse in die Knechtschaft erweisen sollte. Ohne Frage muss man die Zusicherung grösserer Freiheit dafür verantwortlich machen, dass ein Liberaler nach dem anderen auf den Weg des Sozialismus gelockt wurde, dass sie blind wurden für den Widerspruch zwischen den Grundprinzipien des Sozialismus und denen des Liberalismus und dass die Sozialisten unberechtigterweise oft sogar den Namen der alten Freiheitspartei für sich in Anspruch nahmen. Die Intellektuellen wandten sich zum grössten Teile dem Sozialismus als dem vermeintlichen Erbe der liberalen Tradition zu; es ist daher nicht verwunderlich, dass ihnen der Gedanke, der Sozialismus könne zum Gegenteil der Freiheit führen, unfassbar schien.
(Hayek, Der Weg zur Knechtschaft, S. 45)
Als weiterführende, kurze Lektüre zur Freiheit und ihrer Bedeutung für Liberale seien Rahim Taghizadegans 10 Thesen zur Freiheit empfohlen.
P.S. Ich wünsche allen Besuchern schon jetzt ein frohes neues Jahr mit möglichst viel persönlicher Freiheit!