Man könnte in diesen Tagen meinen, Europas dringendstes Problem seien Gefangenentransporte der CIA. Obwohl es keine klaren Beweise gibt, ist davon auszugehen, dass gewisse dieser Häftlinge grausamen Verhörmethoden ausgesetzt waren. Solche Berichte existieren schon längerem und sind keineswegs eine Neuigkeit. Die Weltwoche veröffentlichte beispielsweise schon anfangs Jahr einen Artikel zu diesem Thema. Wirkliche Aufmerksamkeit erregte erst das Gerücht, in Europa würden geheime Gefängnisse der CIA existieren. Jeder Überflug eines CIA-Jets scheint sich nun zum Skandal zu eignen. Obwohl derartige Verhörmethoden ganz klar zu verurteilen sind, bleibt die allgemeine Empörung eine Heuchelei, wie dieser Kommentar richtig bemerkt:
[Die] ganze Diskussion wird zu einer unerträglichen Heuchelei, wenn die Kritik an möglichen Versäumnissen und Verbrechen amerikanischer Soldaten und Agenten aus dem Zusammenhang des Kampfs gegen den internationalen Terrorismus gerissen wird. Die USA tragen seine Hauptlast: Mit ihren ganzen Kräften und mit Milliardenkosten verfolgen sie die Gewalttäter rund um den Erdball. Machen sie dabei Fehler, auch große Fehler? Selbstverständlich. Aber wer viel tut, macht auch viele Fehler.
Durch die Anstrengungen ihrer Geheimdienste haben die Amerikaner aber auch viele Anschläge in Europa verhindert. Warum kommt uns kein Wort des Dankes dafür über die Lippen? Die Europäer profitieren seit Jahren von einschlägigen Informationen der CIA. Dass die westlichen Geheimdienste miteinander kooperieren, dass sie Verdächtige an sichere Orte im Ausland verbringen, sie gemeinsam verhören oder Verhörprotokolle austauschen, gehört seit vielen Jahrzehnten zur normalen Regierungspraxis. Fälle, die nichts mit Folter zu tun haben, zu skandalisieren geht gegen jede Staatsräson.
David’s Medienkritik macht auf eine Meldung aufmerksam, nach der die EU solchen Transporten ausdrücklich zustimmte. Dieselbe EU, die sich nun in moralischer Entrüstung übt.