Francis Fukuyama, der selbst als Neokonservativer gilt, geht in einem langen Essay im “New York Times Magazine” mit dem Neokonservativismus ins Gericht. Der Irak sei heute zu einem Übungsfeld für Terroristen geworden und Demokratie sei nicht das Allheilmittel gegen den islamistischen Terror:
We need in the first instance to understand that promoting democracy and modernization in the Middle East is not a solution to the problem of jihadist terrorism; in all likelihood it will make the short-term problem worse, as we have seen in the case of the Palestinian election bringing Hamas to power. Radical Islamism is a byproduct of modernization itself, arising from the loss of identity that accompanies the transition to a modern, pluralist society.
Er sieht eine Gefahr in einer “realistischen” Gegenbewegung in der US-Aussenpolitik, die keinen Unterschied mehr zwischen Demokratien und Diktaturen macht, sondern eine isolationistische Interessenpolitik verfolgt:
The worst legacy that could come from the Iraq war would be an anti-neoconservative backlash that coupled a sharp turn toward isolation with a cynical realist policy aligning the United States with friendly authoritarians.[…]
The problem with neoconservatism’s agenda lies not in its ends, which are as American as apple pie, but rather in the overmilitarized means by which it has sought to accomplish them. What American foreign policy needs is not a return to a narrow and cynical realism, but rather the formulation of a “realistic Wilsonianism” that better matches means to ends.
Andrew Sullivan schliesst sich der Selbstkritik an und nennt drei grosse Fehler der Neokonservativen. Erstens hätten sie den Geheimdiensterkenntnissen zu den Massenvernichtungswaffen und den Kompetenzen der Regierung zu stark vertraut. Der zweite Fehler sei die Selbstverliebtheit gewesen, die dazu führte, den international aufkommenden Antiamerikanismus zu unterschätzen und sich nicht auf den Irak nach Saddam vorzubereiten. Als dritten Fehler sieht er die Diskrepanz zwischen der Haltung zu staatlichen Interventionen zuhause und solchen im Ausland. Während man im eigenen Land der Regierung nicht viel zutraut, soll es möglich sein, im Irak eine ganze Kultur zu verändern. Er schliesst mit einem - für einen Befürworter des Irak-Krieges - bemerkenswerten Statement: “The correct response to this is not more triumphalism and spin, but a real sense of shame and sorrow that so many have died because of errors made by their superiors, and by intellectuals like me.”
Auch ich zähle mich in der Frage des Irak-Krieges zu den sogenannten “liberalen Falken”. Ich konnte nicht gegen die Entmachtung eines Tyrannen wie Saddam Hussein demonstrieren. Trotzdem oder gerade deswegen, sollte man sich fragen, ob der hohe Preis an Menschenleben und Steuergeldern gerechtfertigt war und ob man nicht die Kompetenzen einer Regierung überschätzte. Ich bin in dieser Frage unschlüssig. Um zu beurteilen, ob der Irak-Krieg ein Erfolg war oder nicht, ist es noch viel zu früh. Trotzdem stehe auch ich heute weiteren Militärinterventionen zur Demokratisierung des Nahen Ostens viel kritischer gegenüber. Es wird interessant sein, die inner-neokonservative Debatte weiter zu verfolgen. Noch einmal Fukuyama:
Meeting the jihadist challenge is more of a “long, twilight struggle” whose core is not a military campaign but a political contest for the hearts and minds of ordinary Muslims around the world. As recent events in France and Denmark suggest, Europe will be a central battleground in this fight.[…]
[T]he overarching lesson that emerges from these cases is that the United States does not get to decide when and where democracy comes about. By definition, outsiders can’t “impose” democracy on a country that doesn’t want it; demand for democracy and reform must be domestic. Democracy promotion is therefore a long-term and opportunistic process that has to await the gradual ripening of political and economic conditions to be effective.