Die Petro-Euro-Verschwörung
Am 24. Februar strahlte 3sat eine Dokumentation mit dem Titel “Der Preis des Krieges” aus. Was sich in der Ankündigung interessant las, entpuppte sich als attac-Propagandamachwerk. Stark linksgerichtete “Friedensforscher”, Politologen und Journalisten erklären darin ihre verquere Sicht der Welt. Die “inhärente Aggressivität” des Kapitalismus führe direkt in den Krieg und das Gewinnstreben dazu, andere Länder auszurauben. Zuerst müsse sich die “Wirtschaftsstruktur” ändern, bevor die Welt friedlicher werden könne. Ich frage mich, weshalb ein seriöser Sender wie 3sat der Regisseurin einer Kindersendung Platz einräumt, solche Propaganda unwidersprochen zu verbreiten.
Natürlich fehlte der gute europäische Antiamerikanismus nicht. Ein deutscher Professor, dessen Namen ich offenbar nicht für erinnerungswürdig hielt, vertrat in diesem Film die verschwörungsähnliche These, dass Saddam gestürzt wurde, weil er den Ölhandel von Dollar auf Euro umstellte. Dies sei der wahre Grund für den Irak-Krieg gewesen. Derartige Theorien spuken derzeit wieder durch das Internet. Diesmal geht es um den Iran, wo nicht die Atombombe, sondern die Währungsumstellung das eigentliche Problem sein soll.
Matthias Streitz von SPON hat sich die Mühe gemacht, dieser Legende nachzugehen. Der iranische Ölhandel ist für die USA von marginaler Bedeutung und das Zustandekommen einer iranischen Ölbörse alles andere als sicher. Kommt hinzu, dass Ursache und Wirkung verwechselt werden. Fazit: eine schlechte Verschwörungstheorie. Trotzdem mache ich mir keine Sorgen, dass sie auch in Zukunft von “Experten” und Professoren vertreten werden wird. Waren die einfachsten Erklärungsmuster nicht stets die beliebtesten?

Kleine Korrektur: Karin Bock ist Regisseurin eine Jungendmusiksendung. Was übrigens nicht heissen muss, dass sie keine sonstigen Dokumentationen herstellen kann. Die Dokumentation lief übrigens schon früher mal auf ARTE.
Was die Verbindung von Krieg mit Kapitalismus betrifft, kann man natürlich darüber streiten. Es ist jedoch nun mal Fakt, dass ein grosser Teil der Kriege nicht zuletzt dem Kampf um Rohstoffe geschuldet ist. Ob dies ohne Kapitalismus anders wäre, das ist die Frage.
Ob an der Petro-Euro-Theorie was dran ist, kann ich nicht beurteilen. Aber nur weil zwei Herren vom gleichen Institut (Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP)) via SPON was Anderes behaupten, würde ich sie noch nicht gänzlich ad acta legen. Auch wenn ich nicht glaube, dass dies der ausschlaggebende Punkt für einen Angriff auf den Iran wie den Irak ist/war.
Comment von gebsn — 10.03.06 um 15:07
Der wirtschaftlich gesehen erfolgreichste Weg, an Rohstoffe zu kommen, ist der der friedlichen Kooperation. Deshalb hat das rohstoffhungrige China beispielsweise kein Interesse an Sanktionen oder Massnahmen gegenüber dem Iran oder dem Sudan. Wären die USA nur am Öl interessiert, hätten sie kaum die Milliardenkosten dieses Krieges auf sich genommen. Ganz zu schweigen vom höheren Ölpreis, der auch eine Folge der instabilen Situation im Irak ist oder den Wirtschaftsembargos gegenüber dem früheren Irak und dem heutigen Iran.
Ausserdem ist es m.E. unwahrscheinlich, dass es zu einem Krieg im Iran kommen wird.
Comment von Bastian — 10.03.06 um 15:34
Heute in Telepolis: eine kritische Würdigung des oben erwähnten Spiegel-Artikels: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22264/1.html.
Comment von gebsn — 17.03.06 um 09:54
Bastian schrieb: “Wären die USA nur am Öl interessiert, hätten sie kaum die Milliardenkosten dieses Krieges auf sich genommen.”
Denkfehler: Es gibt nicht “die USA”. Den Krieg bezahlt jeder Bürger mit seinen Steuern. Die Öl- und Wiederaufbauprofite kassieren einige wenige Unternehmen.
Comment von Paul Schreyer — 17.03.06 um 15:50
Nun, diese Bemerkung ist sicherlich richtig. Nur muss man eine Regierung schon für hochkriminell halten, um ihr ein solches Motiv zu unterstellen. Früher oder später würde sowas auffliegen und das Schicksal der republikanischen Partei besiegeln und zwar für immer.
Letztendlich muss man sich auch entscheiden, ob es nun das Öl, Halliburton oder die Währung war. 9/11 oder der Irak-Krieg. Alles zusammen zu inszenieren dürfte einfach eine zu grosse Aufgabe sein.
Comment von Bastian — 17.03.06 um 17:57
Ob man die Bush-Regierung als kriminell bezeichnen will, hängt vom persönlichen moralischen Kompass ab. Fest steht, dass Leute wie Donald Rumsfeld ihr Regieren ausschließlich als Business begreifen und Moral generell außen vor lassen.
Du schreibst: “Früher oder später würde sowas auffliegen.”
Es würde nicht nur auffliegen, es fliegt auf. Siehe Abramoff-Affäre:
http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5107688_REF1_NAV_BAB,00.html
Das interessiert aber keinen.
Comment von Paul Schreyer — 18.03.06 um 13:26
Mir ist die Abramoff-Affäre durchaus bekannt. Nur geht es da weder um den Irak noch um den 11. September.
Comment von Bastian — 18.03.06 um 14:28
Die Abramoff-Affäre wirft ein Licht auf den allgemeinen Zustand der herrschenden politischen Klasse in den USA. Diese Dinge wiederholen sich in jedem einzelnen Politikfeld (Irak: Bechtel- und Halliburton-Kontrakte, WMD-Täuschung). 9/11 ist ein Thema für sich. Ich empfehle meinen Tatsachenroman “Die Legende”.
Comment von Paul Schreyer — 20.03.06 um 11:07
Nun, ich halte es zumindest für unwahrscheinlich, dass das Öl der Hauptgrund für die Intervention im Irak war. Jedoch fehlen mir (und wahrscheinlich allen anderen) die Informationen, um das abschliessend feststellen zu können.
Um die Täterschaft von 9/11 gibt es für mich keinerlei Zweifel. Ich halte die Vorgänge für hinreichend aufgeklärt und werde aus diesem Grund auch auf die Lektüre deines Buches verzichten.
Comment von Bastian — 22.03.06 um 15:00
Mit Deiner eingeschränkten Neugierde bezüglich 9/11 stehst Du nicht allein. Und doch gibt es allerhand zu entdecken. Hier mal ein kleines Info-Häppchen:
Senator Graham war Vorsitzender der Senatskommission, die die Anschläge untersuchte. In seinem 2004 erschienenen Buch “Intelligence Matters” offenbart er einige seiner Erkenntnisse, die es nicht in den offiziellen Bericht geschafft haben. Der interessanteste Teil des Buches befasst sich mit dem „Informanten aus San Diego”. Zwei der Attentäter hatten vor den Anschlägen bei einem FBI-Informanten gelebt. Als die Kommission davon erfuhr und ihn dazu befragen wollte, blockte das FBI ab. Graham auf Seite 163: „One of our problems was that the informant had been relocated by the FBI ‘for his own safety’. Because only the FBI knew where to find him, it was able to control our access to him.” Und drei Seiten weiter: “A less obvious and far more damning possibility is that perhaps the informant did know something about the plot that would be even more damaging were it revealed, and that this is what the FBI is trying to conceal. (…) The White House was directing the cover-up.” Starker Tobak, doch die Wahrheit ist noch unglaublicher: einem internen Revisionsbericht des FBI, im Juni 2005 veröffentlicht, konnte man entnehmen, dass eben dieser Informant im Jahr 2003 eine einmalige Zahlung in Höhe von 100.000 Dollar vom FBI erhielt. Von Grahams Senatskommission wurde dieser Mann jedoch abgeschirmt. Die Medien nahmen von dieser Episode keine größere Notiz. Auch wenn man einräumen kann, dass Graham, der sich als Mitglied der Demokratischen Partei zeitweilig Hoffnungen auf eine Präsidentschaftskandidatur machte, dieses Buch nicht ohne Grund mitten im Wahlkampf publiziert hat, werden die dargelegten Fakten dadurch nicht weniger wahr.
Dies mal als Denkanstoß.
Zum Irak: was war Deiner Meinung nach der Invasionsgrund?
Comment von Paul Schreyer — 22.03.06 um 19:21
Als Bülow und Wisnewski ihre Bücher veröffentlichten, hat mich das Thema durchaus interessiert. Doch ich halte ihre Herangehensweise für unseriös. Das Ergebnis ihrer “Nachforschungen” stand schon im Voraus fest. Sie suchten nach Unstimmigkeiten in Detailfragen und bogen das ganze so hin, dass es ihrer Weltanschauung entsprach. Ganz nebenbei kehren sie die Beweislast um und verlangen allen Ernstes, dass jemand ihre Behauptungen eine nach der anderen widerlegen würde. Ein seriöser Forscher sucht auch in der eigenen Arbeit nach Unstimmigkeiten und lässt das Ergebnis offen. Es ist ihnen auch nach fünf Jahren nicht gelungen, stichhaltige Beweise für ihre Sicht vorzubringen. Es bleibt eine Glaubensfrage. Ich gebe zu, dass ich in Detailfragen des 11.9. kein Experte bin. Es gibt jedoch keine Fachleute, die diese Verschwörungstheorien für glaubwürdig halten. Wenn ich heute ein Buch zu dem Thema lesen würde, wäre es der 9/11 commission report, weil ich mir daraus die meisten seriösen Erkenntnisse erhoffen würde.
Zum Irak-Krieg: Ich gehe davon aus, dass “Koalition der Willigen” tatsächlich glaubte, dass Saddam WMDs besitzen würde. Alle bedeutenden Geheimdienste waren damals dieser Ansicht (auch Frankreich und Russland). Saddam wollte lange Zeit seine Nachbarstaaten im Glauben lassen, er besitze solche Waffen, weil er sich bedroht fühlte (siehe z.B. hier).
Das intellektuelle Fundament lieferten die Neokonservativen, die auf eine Demokratisierung des Nahen Ostens im Kampf gegen den Terrorismus setzten und Saddam aufgrund seiner Schreckensbilanz als Diktator beseitigen wollten. Es sollte ein Auslöser für weitere demokratische Reformen in der gesamten arabischen Welt sein. Sie fanden Gehör, weil der 11. September das Scheitern der bisherigen US-Aussenpolitik bedeutete. Die “Realisten”, die bislang die Aussenpolitik dominierten hatten keine Lösungen anzubieten, im Gegensatz zu den “Idealisten”, die v.a. die Despoten im Nahen Osten für die Misere der islamischen Welt verantwortlich machten und machen (meiner Meinung nach nicht ganz zu Unrecht).
Comment von Bastian — 22.03.06 um 21:49
Die 9/11-Bücher von Bülow und Wisnewski haben mich ebenfalls nicht überzeugt. Doch es gibt glücklicherweise auch bessere Publikationen. Ich habe im Zuge meiner Recherchen das meiste gelesen, was zu 9/11 erschienen ist und die interessanteren Werke bei Amazon rezensiert:
http://www.amazon.de/exec/obidos/tg/cm/member-reviews/-/A2J0IRIH6TW0KU/1/028-9549248-5642965?display=attributed
Schau es Dir mal an. Vielleicht ist doch noch ein Buch für Dich dabei.
Irak. Du glaubst also tatsächlich, dass Leute vom Format eines Cheney oder Rumsfeld sich nach 9/11 durch den Irak real bedroht fühlten und Saddam “aufgrund seiner Schreckensbilanz” beseitigen wollten?
Entschuldige, aber das ist schlicht naiv. Saddams Schreckensbilanz war schon 1983, als Rumsfeld noch persönlich mit ihm verhandelte, schrecklich genug. Natürlich gibt es in Amerika eine Menge von “Idealisten”, die die US-Politik durch moralische Prinzipien geleitet sehen. Aber jedem halbwegs eigenständig denkenden Menschen sollte doch klar sein, dass für die herrschende Clique diese “Idealisten” zu allen Zeiten nur nützliche Idioten waren, um knallhart ihre Machtpolitik umzusetzen.
Comment von Paul Schreyer — 23.03.06 um 18:21