Freie Gedanken

Keine Entführungen in den Palästinensergebieten?

von Bastian am 15.03.06

André Marty, Nahost-Korrespondent des Schweizer Fernsehens, weiss, dass seine “Beiträge genau unter die Lupe genommen werden”. Ich tu’ ihm den Gefallen und tippe erstmal ab, was er gestern in diesem Beitrag berichtete (10vor10 vom 14.03.06). Auf die Frage nach dem Sinn von Entführungen antwortete er folgendermassen:

Schauen Sie, Susanne: Wir sind hier nicht in Bagdad - zum Glück, muss ich sagen - das heisst, hier sind ganz andere Organisationen am Werk als eben die fanatischen, religiös, teilweise zumindest, motivierten Organisationen/Gruppierungen, die im Irak tätig sind. So wurden beispielsweise in den palästinensischen Gebieten bisher nie Geiseln über allzu lange Zeit festgehalten und erfreulicherweise natürlich - auch nie kam jemand wirklich zu Schaden. Es wurde nie jemand umgebracht.

Diese Aussage ist nachweislich falsch. Am 21. September letzten Jahres wurde der 55-jährige israelische Geschäftsmann und Familienvater, Sasson Nuriel, von zwei Mitarbeitern entführt und nach Ramallah verschleppt. In einer Wohnung wurde er zu Äusserungen vor einer Videokamera gezwungen. Das Band sollte zur Freipressung palästinensischer Häftlinge dienen. Doch seine Entführer gerieten in Panik und ermordeten ihn. Seine Leiche wurde auf einer Müllhalde westlich von Ramallah gefunden. Zur Tat bekannte sich die Hamas. (Quelle)

Es war der letzte Gewaltakt jener Organisation, die mittlerweile die Wahlen gewonnen hat und sich demokratisch gibt. Jene Organisation, die ihre Geiseln vor grünen Fahnen knien lässt und in deren Charta ca. 150 mal das Wort “Islam” (bzw. “islamisch”) vorkommt. Trotzdem sieht André Marty keine fanatischen, religiös motivierten Gruppen in den palästinensischen Gebieten. Der Name “Islamischer Dschihad” einer anderen Terrororganisation muss wohl auch rein zufällig sein.

Natürlich hat Marty Recht, dass im Irak andere Gruppen tätig sind. Hauptsächlich der irakische Al-Qaida Ableger unter Musab Al-Sarqawi, der mit noch grösserer Brutalität vorgeht als palästinenische Terrororganisationen. Entführungen in den Palästinensergebieten waren bisher, verglichen mit dem Irak, relativ selten. Die Hamas wird für neun ähnliche Fälle seit 1989 verantwortlich gemacht (Quelle).

Inspiriert wurde dieser Blogeintrag durch die Initiative HonestReporting.

Nachtrag vom 16.03.06

André Marty hat auf eine kurze Mail meinerseits an die 10vor10 Redaktion folgende Antwort geschrieben:

zu recht monieren sie in ihrem mail, dass am 21. september 2005 ein israelischer geschäftsmann in der nähe von ramallah ermordet worden ist. im fall von nuriel sasson handelt es sich allerdings nicht um einen entführten ausländer, von denen an jenem tag und in der berichterstattung von 10vor10 die rede war. ich teile aber ihre ansicht, dass jedes menschenleben, das in diesem konflikt zu schaden kommt, ein verlust ist. insofern bedaure ich, dass meine aussage zu dieser irritation geführt hat.

mit freundlichen grüssen
andré marty

Ich bleibe dabei, dass die Aussage auch in ihrem Kontext zumindest missverständlich war, habe aber ein gewisses Verständnis, wenn dies in einer Live-Berichterstattung vorkommt.

Eine Phrase der Ratlosigkeit

von Bastian am 12.03.06

Genausowenig wie der Begriff “Kampf der Kulturen” zur Beschreibung heutiger Konflikte taugt, hilft der Rat zum “Dialog der Kulturen” weiter. Er dient höchstens zur Kaschierung der eigenen Ratlosigkeit im Umgang mit dem Islam und dessen politischen Auswüchsen. Ein treffender Kommentar im aktuellen Cicero. Auszüge:

Der „Dialog der Kulturen“ ist ein „Alles-Wird-Gut“ für die Weltpolitik, ein Fetisch der Selbstberuhigung, eine Zauberformel wider die Ratlosigkeit vor religiösen Konflikten. Der Begriff wird so oft beschworen, dass man langsam misstrauisch wird.[…]

Der „Dialog der Kulturen“ ist dabei begrifflich so etwas wie die „friedliche Koexistenz“ im Kalten Krieg. Ein politischer Waffenstillstandsversuch, eine rhetorische Anästhesie, die die schläfrige Einsicht befördern soll, wo Rauch ist, sei kein Feuer, sondern eine Menge Menschen mit Friedenspfeifen.[…]

[Der] Begriff soll etwas egalisieren, was nicht egal ist: Freiheit und Ideologie zum Beispiel, Menschenrecht und Fundamentalismus, Karikatur und Waffe. Man hat zuweilen den Verdacht, dass der „Dialog der Kulturen“ so gerne beschworen wird, weil es einem unangenehm ist, brutale Wahrheiten anzuerkennen.[…]

Wenn man im Westen nun, anstatt die Freiheit der Kritik zu verteidigen, in Sachen Karikaturen Selbstzensur übt, dann kann man auch gleich Lessings Ringparabel aus dem Lehrplan streichen, denn sie relativiert die Lehre Mohammeds. Dieser „Dialog der Kuluren“ bestünde dann wohl darin, den Pudel der Toleranz so lange zu streicheln, bis der eigene Maulkorb fertig ist. Man erinnert sich beim gegenwärtigen Kotau vor den Islamisten jedenfalls an Friedrich Nietzsches Beobachtung, wonach anbiedernde Toleranz den Verrat am eigenen Ideal in sich trägt.

Lesen Sie die ganze Kolumne hier. (via EuroNeuzeit)

“Fortschrittliches” Tessin

von Bastian am 12.03.06

Zwei Fragen, denen ich nach der heutigen Tagesschau nachgehen muss:

1. Was genau ist fortschrittlich an einem Rauchverbot in Gaststätten?

2. Warum ist gerade dem Freisinnigen Felix Gutzwiller ein Rauchverbot auf Bundesebene ein besonderes Anliegen?

Für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar.

Och, so ein bisschen Sozialismus…

von Bastian am 12.03.06

Nachdem ich SPON im letzten Post gelobt habe, muss ich sogleich Gegensteuer geben. In einer kleinen Polemik wünscht sich ein Autor ein bisschen Sozialismus zurück. Es geht um den Streit um den Nachfolger des DVD-Formates.

[I]n einem Punkt hätte ich gern doch ein bisschen Sozialismus in der heutigen Zeit. Es geht um die unsäglichen Formatkriege, die sich Konzerne wie Sony, Philips, Apple oder Microsoft schon seit Jahren liefern.

Was für eine unsinnige Verschwendung von Ressourcen, Geld und Energie!

Wo liegt das Problem? Es ist derzeit unklar, ob sich als Nachfolger der DVD die Blu-ray Disc oder die HD-DVD durchsetzen wird. Wenn sich die Hersteller nicht auf einen Kompromiss einigen, wird der Markt den neuen Standard küren. Es liegt in der Macht der Konsumenten, ihren Favoriten zu wählen. Der Autor mag scheinbar keine individuellen Entscheidungen. Er wünscht sich einen Führer, der ihm die Wahl abnimmt und ihm per Gesetz vorschreibt, welches Format er zu bevorzugen habe.

Er beklagt die Verschwendung von Ressourcen. Weshalb? Ist es sein Geld und seine Energie, die verschwendet werden? Ob etwas Verschwendung ist oder nicht, lässt sich kaum objektiv feststellen. Es liegt in der Wahrnehmung der Eigentümer, ob sie eine Investition als Verschwendung ansehen oder nicht. Im vorliegenden Fall dürfte noch keine der beiden Hersteller-Parteien ihre Investition als unsinnig erachten. Eine staatliche Stelle, die entscheidet, ob eine Investition sinnvoll oder verschwenderisch ist, wäre das Ende jeglicher Marktwirtschaft.

Würde die DDR heute noch existieren, dann gäbe es in den HO-Fachgeschäften wohl nur zwei oder drei verschiedene Digitalkameras zu kaufen. Stattdessen stehen bei den Discountern zwischen Flensburg und Zittau so viele verschiedene Apparate im Regal, dass man schreiend davon laufen möchte.

Er beklagt nicht die Knappheit im Sozialismus, sondern fühlt sich von der Auswahl, die ihm die Marktwirtschaft ermöglicht, überfordert. Lieber eine staatliche Verordnung als Wahlfreiheit.

Es mag ein harmloses Beispiel sein, das der Journalist nicht ganz ernst meint. Doch es sind solche Überlegungen und Gefühle, die Leute in die Fänge von starken Führern treiben. Es ist die Angst vor der Freiheit.

Die Petro-Euro-Verschwörung

von Bastian am 10.03.06

Am 24. Februar strahlte 3sat eine Dokumentation mit dem Titel “Der Preis des Krieges” aus. Was sich in der Ankündigung interessant las, entpuppte sich als attac-Propagandamachwerk. Stark linksgerichtete “Friedensforscher”, Politologen und Journalisten erklären darin ihre verquere Sicht der Welt. Die “inhärente Aggressivität” des Kapitalismus führe direkt in den Krieg und das Gewinnstreben dazu, andere Länder auszurauben. Zuerst müsse sich die “Wirtschaftsstruktur” ändern, bevor die Welt friedlicher werden könne. Ich frage mich, weshalb ein seriöser Sender wie 3sat der Regisseurin einer Kindersendung Platz einräumt, solche Propaganda unwidersprochen zu verbreiten.

Natürlich fehlte der gute europäische Antiamerikanismus nicht. Ein deutscher Professor, dessen Namen ich offenbar nicht für erinnerungswürdig hielt, vertrat in diesem Film die verschwörungsähnliche These, dass Saddam gestürzt wurde, weil er den Ölhandel von Dollar auf Euro umstellte. Dies sei der wahre Grund für den Irak-Krieg gewesen. Derartige Theorien spuken derzeit wieder durch das Internet. Diesmal geht es um den Iran, wo nicht die Atombombe, sondern die Währungsumstellung das eigentliche Problem sein soll.

Matthias Streitz von SPON hat sich die Mühe gemacht, dieser Legende nachzugehen. Der iranische Ölhandel ist für die USA von marginaler Bedeutung und das Zustandekommen einer iranischen Ölbörse alles andere als sicher. Kommt hinzu, dass Ursache und Wirkung verwechselt werden. Fazit: eine schlechte Verschwörungstheorie. Trotzdem mache ich mir keine Sorgen, dass sie auch in Zukunft von “Experten” und Professoren vertreten werden wird. Waren die einfachsten Erklärungsmuster nicht stets die beliebtesten?

Was China zensiert

von Bastian am 08.03.06

Die Washington Post hat eine Liste mit Begriffen veröffentlicht, die von einem chinesischen Blog-Provider zensiert werden. Die Worte können auf chinesischen Webseiten veröffentlicht werden, rufen aber Zensoren auf den Plan, die die Seiten gegebenenfalls blockieren. Unter den 236 Begriffen befinden sich 18 Schimpfworte, der Rest sind politische Aussagen.

Ein kleines “Best-Of” der geblockten Begriffe, die einiges über die chinesische Diktatur aussagen:

China liberal
Down with the Central Propaganda Department
Red Terror
Set fires to force people to relocate
Swiss University of Finance
Chinese Communist Party brutally kills people
Obedient citizens under its brutal rule
Quit the party
Run the opposite direction of the so-called ideals of Communism
Freedom and Democracy Forum
Taiwan Freedom League
Tibet independence
Tiananmen massacre
News blockade
Paris riots
Tsunami
Chinese People Tell the Truth

Ob die Machthaber Angst hatten, dass die Unruhen in Paris die chinesische Jugend inspirieren würde? “Swiss University of Finance” ist ebenfalls seltsam.

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