Von Armut und Vontobel
Über den Wirtschaftsjournalisten Werner Vontobel vom SonntagsBlick haben sich schon andere geärgert (siehe Statler & Waldorf). Auch seine Kolumne von heute “Wirtschaftswachstum macht die Armen noch ärmer” ist ein Lehrstück in Demagogie. Vontobel wirft mit Statistiken um sich, dass es kracht. Man könnte das Gefühl kriegen, hier sei jemand tatsächlich kompetent.
Er bezieht sich auf eine Publikation eines britischen globalisierungskritischen Think-Tanks, die kaum Substanz aufweist. Ihr Ansatz und somit auch der von Vontobel ist irreführend. Er beklagt, dass zuwenig des globalen Wirtschaftswachstums den Einkommen der Armen zukomme und schliesst daraus, dass Wirtschaftswachstum den Armen generell nicht helfen könne. Doch die globale Perspektive ist hier denkbar schlecht gewählt. Warum sollte sich beispielsweise Wirtschaftswachstum in den USA merklich auf das Einkommen eines afrikanischen Bauern auswirken? Was den Bauern viel mehr betrifft, ist lokales Wachstum in seinem Land und seiner Region (v.a. solange er durch Zölle daran gehindert wird, in die Industriestaaten zu exportieren). Wenn man seriöse Statistik betreiben will, muss man sich die lokale Wirtschaftsentwicklung ansehen. Eine Studie der Weltbank, die dies in 92 Ländern über die letzten 40 Jahre getan hat, kommt zum Schluss, dass Arme und Reiche gleichermassen vom Wirtschaftswachstum profitieren. Die Einkommen der Armen steigen proportional zu denjenigen der Reichen.
Vontobels Fazit, das Wachstum habe bisher nichts zur Bekämpfung der Armut beigetragen, ist mehr als kühn. Insbesondere, da die Entwicklung in Asien das exakte Gegenteil beweist. In China hat sich die absolute Armut seit der Einführung marktwirtschaftlicher Reformen 1978 von 64% auf 16% reduziert und das sind nur die Zahlen bis 2001. Gemäss Tim Harford hieven sich täglich eine Million Chinesen aus der absoluten Armut. Ohne Wachstum wäre diese Entwicklung undenkbar.
Doch es wird noch kühner. Vontobel behauptet: “Deshalb drängt sich eine andere Lösung auf: Umverteilung.” Die fehlende Nachhaltigkeit dieses Vorschlages verwirft er mit dem “Argument”: “von der absoluten Gleichheit ist die Welt ohnehin noch weit entfernt.” Er erwähnt nicht, dass dieser Ansatz in der Vergangenheit kläglich gescheitert ist. In den letzten 50 Jahren floss mehr als eine Billion US-Dollar nach Afrika. Die Armut ist heute grösser als vor 20 Jahren und das Wirtschaftswachstum war im gleichen Zeitraum in den meisten Ländern praktisch inexistent, wenn nicht gar negativ.
Hinzu kommt eine grosse Portion ökologischer Alarmismus, auf den ich an dieser Stelle nicht eingehe, weil es fast schon lächerlich ist. Es grenzt an Menschenverachtung, in paternalistischer Weise ökologische Sorgen über das Schicksal der Armen zu stellen und ihnen jegliche wirtschaftliche Entwicklung vorenthalten zu wollen. Arme Menschen werden sich wenig um ihre Umwelt kümmern, solange sie damit beschäftigt sind, ihr pures Überleben zu sichern. Vontobel geht es in keiner Zeile um das eigentliche Wohlergehen der Armen dieser Welt. Sein Problem ist, dass die verhältnismässig Wohlhabenden ebenfalls reicher werden. Das läuft seiner Idealvorstellung von absoluter Gleichheit entgegen. Die Armen sind für ihn gerade mal Argumentationsstütze, um sich gegen Wirtschaftswachstum und Fortschritt hierzulande wenden. Damit ist den Unterprivilegierten in keinster Weise geholfen.
In diesem Zusammenhang sei auf den viel lesenswerteren Artikel von Tim Harford hingewiesen: Why Poor Countries Are Poor

… noch mehr Umverteilung?
Inzwischen sollte jeder wissen, dass im besten Fall die mit Umverteilung angestrebten Ziele nicht erreicht werden, meistens aber negative Folgen resultieren. Und ob es Ringier noch gäbe, wenn dort nach dem Motto “Umverteilung” gelebt würde? :->
Comment von M. — 07.05.06 um 19:48
Herr B. fragt: “Warum sollte sich beispielsweise Wirtschaftswachstum in den USA merklich auf das Einkommen eines afrikanischen Bauern auswirken?” Die Antwort habe ich in meinem Artikel zu geben versucht: Weil jedes Wachstum die globalen Ressourcen beansprucht und die Umwelt belastet, was sich vor allem bei den Armen negativ auswirkt.
Ferner verweist B. auf eine Studie der Weltbank, wonach sich die Einkommen der Armen in den letzten 40 Jahren proportional stärker gestiegen seien als die der Reichen. Die von mir zitierte Studie bezieht sich auf die vergangenen 20 Jahren und sagt, dass sich die Einkommen der Armen von 1981 bis 1991 leicht über- und seither deutlich unterproportional entwickelt haben. Zudem zeigt sie, was dies in absoluten Zahlen bedeutet.
B. verweist auf China und Indien und sagt, dass sich in diesen Ländern die Armut “seit der Einführung marktwirtschaftlicher Reformen” stark reduziert worden sei. Das ist nicht falsch, aber irreführend, weil sowohl Indien als auch China, Wirtschaftspoitiken betrieben haben, die in wesentlichen Punkten vom heiligen Kanon des IWF ( erweiterter Washingtonkonsens) abweichen.
Es geht mir auch nicht darum, ökologische Sorgen über das Schicksal der Armen zu stellen. Vielmehr stellt “meine Studie” die berechtigte Frage, ob nicht die Armen in besonderer Weise unter der Umweltverschmutzung leiden.
Vor allem geht es nicht darum, Wachstum generell zu verurteilen. Die Frage ist vielmehr: Wie hat sich das real existierende Wachstum (bzw. die Wachstumspolitik nach dem Washington-Konsens) in den letzten Jahren konkret auf das Los der ärmeren Bevölkerungshälfte unserer Erde ausgewirkt, und wäre mit ein wenig Umverteilung mehr zu erreichen gewesen?
Endgültige Antworten auf diese Fragen gibt es natürlich nicht. Die Diskussion bleibt offen.
Werner Vontobel
Comment von Werner Vontobel — 09.05.06 um 14:17
Ich bedanke mich für Ihren Kommentar (Sie verzeihen, wenn ich meinen Nachnamen abgekürzt habe… nein, ich habe nichts zu verbergen).
Nun, es mag sein, dass China nicht in allen Punkten eine Wirtschaftspolitik wie im “neoliberalen” Lehrbuch betrieben hat, trotzdem wäre eine solche Entwicklung ohne wirtschaftliches Wachstum undenkbar. Ich bin deshalb nicht der Meinung, Wirtschaftswachstum könne nichts zur Bekämpfung der Armut beitragen.
Was die Umweltprobleme angeht, denke ich, dass Sie zu schwarz malen. Ich bin davon überzeugt, dass die Armen viel mehr unter ihrer Armut als unter Umweltproblemen leiden. Erst wohlhabendere Gesellschaften werden sich auch der Ökologie annehmen, deshalb löst man mit Wirtschaftswachstum langfristig auch dieses Problem.
Umverteilung taugt nur, um kurzfristig Not zu lindern, bietet jedoch keinerlei Perspektiven.
Comment von Bastian — 09.05.06 um 18:09
Die Armen profitieren vom Wachstum?? Besonders weil dafür der Sozialstaat abgebaut wird, wie in Deutschland zur Zeit? Ihr kapitalistischen Hurenmäuler lügt, wenn ihr nur den Mund aufmacht! Behaltet Euren egoistischen Lügenscheissdreck für Euch!
Comment von Stefan — 09.05.06 um 23:58
Wow, das war heftig. Naja, jeder gue Blog zieht auch hitzköpfige Idioten an. Nimms als Kompliment, Bastian.
Comment von Sisyphos — 12.05.06 um 15:44
Ich könnte solche Kommentare auch löschen, aber stehenlassen ist manchmal fast fieser, weil sich derjenige mit seinem Eintrag sowieso komplett disqualifiziert.
Comment von Bastian — 13.05.06 um 09:30
VOr derselben Wahl bin ich auch schon ein paar Mal gestanden. habe mich meist wie Du entschieden. Ausser in einem kürzlichen Fall wo der Troll gewisse Grenzwerte bei weitem und regelmässig überflügelte - den lösch ich jetzt jeweils umgehend.
Comment von Sisyphos — 14.05.06 um 17:09