10vor10 liest aus der Wikipedia
Den WM-Kater hinter mir gelassen, schaue ich mir wieder andere TV-Sendungen an. Gestern habe ich mir das Boulevard.. Nachrichtenmagazin 10vor10 angetan. Stets interessant, wenn Israel im Brennpunkt steht (schliesslich in der Vergangenheit von mir schon kritisiert). Ich war positiv überrascht von Kurt Spillmanns ausgewogenem Kommentar und einem aufschlussreichen Beitrag über die Hisbollah. Danach habe ich zufällig noch einen Blick in die Wikipedia geworfen, um etwas mehr über die Hisbollah zu erfahren. Zu meinem Erstaunen deckt sich entsprechender Wikipedia-Artikel stark mit dem Beitrag aus 10vor10, teilweise bis auf den Wortlaut. Vergleichen wir einige Zitate:
10vor10: Die Hisbollah vertritt die Schiiten im Libanon. Sie beruft sich auf den iranischen Revolutionsführer Ayatollah Khomenei und bezeichnet sich als antizionistisch.
Wikipedia: Die Hisbollah vertritt die Schiiten im Libanon. [An anderer Stelle:] Die Hisbollah beruft sich auf den iranischen Revolutionsführer Ayatollah Khomeini und bezeichnet sich selbst als antizionistisch.
10vor10: Laut dem US-Geheimdienst CIA zählt sie mehrere tausend Mitglieder.
Wikipedia: Nach CIA-Angaben hat die Organisation mehrere tausend Mitglieder…
10vor10: Die Hisbollah sieht es als ihr Verdienst, dass sich Israel 2000 aus dem Südlibanon zurückziehen musste.
Wikipedia: Die Hisbollah rechnet sich den im Jahr 2000 stattgefundenen Rückzug Israels aus dem Libanon als Erfolg an.
10vor10: Ihren Kampf gegen die Besatzer führte sie unter anderem mit Attentaten, mit Entführungen israelischer Soldaten und Geiselnahmen.
Wikipedia: Außerdem betrieb die Hisbollah Entführungen von israelischen Soldaten, Geiselnahmen, Mörser-Angriffe auf vom israelischen Militär besetztes Territorium bzw. Stellungen während deren Besatzung des Südlibanon und Terroranschläge auf Zivilisten.
10vor10: Für die USA und für die europäische Union ist die Hisbollah eine Terrororganisation. In weiten Teilen der arabischen Welt werden deren Milizen als Helden gesehen…
Wikipedia: Einerseits ist die Hisbollah eine politische Partei […], andererseits eine Widerstandsorganisation (gegen die israelische Besatzung; als solche im Libanon und weiten Teilen der arabischen Welt gesehen) oder terroristische Organisation (Bezeichnung va. durch die USA, die EU und Israel).
10vor10: Die Hisbollah will einen aufgeklärten Islam als Staatsform und wünscht den Islam als Religion für die Mehrheit. Sie akzeptiert aber das Zusammenleben mit anderen Religionen.
Wikipedia: Die Organisation setzt sich für einen „zivilisierten“ Islam ein. Ein aufgeklärter Islam ist als Staatsform gewünscht. Außerdem ist der Islam als Religion für die Mehrheit gewünscht, ansonsten wird aber eine Koexistenz der verschiedenen Religionen akzeptiert.
10vor10: Die Unterstützung der Palästinenser war schon immer Teil ihres Programms gewesen.
Wikipedia: Die Unterstützung und Solidarität für die Palästinenser sind seit der Gründung dieser Organisation ein wichtiger Bestandteil ihres Programms.
Vorsichtig ausgedrückt: Der Journalist muss den Wikipedia-Artikel auch gelesen haben. Oder unvorsichtiger: Die Hälfte des Beitrages wurde aus der Wikipedia abgeschrieben und das ohne Quellenangabe (der Rest stammt von hier, mit Quellenangabe). „Wo liegt das Problem?“, mag man sich denken. Vielleicht spricht es gerade für die Qualität der Wikipedia. Immerhin sind es grösstenteils Informationen, die in jedem andern Text über die Hisbollah ebenfalls enthalten sind.
Das Problem besteht einmal darin, dass auch die Wikipedia Lizenzbestimmungen kennt, die hier höchst wahrscheinlich verletzt wurden. Für mich persönlich ein kleineres Übel. Vielmehr finde ich es problematisch, wenn teilweise umstrittene Aussagen 1:1 aus der Wikipedia übernommen werden. Die Wikipedia ist immer noch eine Enzyklopädie, in die theoretisch jeder irgendeinen Müll reinschreiben kann. Gerade bei politisch brisanten Themen ist bei Informationen aus der Wikipedia Vorsicht geboten. Bezüglich Hisbollah mag dies eine untergeordnete Rolle spielen, aber was, wenn es unter Journalisten Schule macht, sich aus der Wikipedia zu bedienen? Schliesslich werde ich es selten bemerken.
Eine umstrittene Aussage ist für mich die folgende: „Die Hisbollah will einen aufgeklärten Islam als Staatsform und wünscht den Islam als Religion für die Mehrheit. Sie akzeptiert aber das Zusammenleben mit anderen Religionen.“ Beispielsweise beschreibt GlobalSecurity die Hisbollah als „dedicated to creation of Iranian-style Islamic republic in Lebanon and removal of all non-Islamic influences from area“ und sagt damit das ziemliche Gegenteil. Die BBC schreibt: “Inspired by the success of the Iranian Revolution, the party also dreamt of transforming Lebanon’s multi-confessional state into an Iranian-style Islamic state. Although this idea was abandoned and the party today is a well-structured political organisation with members of parliament.“ Und weiter: “Hezbollah’s political rhetoric has centred on calls for the destruction of the state of Israel. Its definition of Israeli occupation has also encompassed the idea that the whole of Palestine is occupied Muslim land and it has argued that Israel has no right to exist.” Es mag eine Definitionsfrage sein, aber das iranische Staatsmodell ist für mich nicht gerade der Inbegriff eines “aufgeklärten Islam”. Ebenso wird im 10vor10-Beitrag der Begriff der “Besatzung” im Sinne der Hisbollah verwendet und nicht erwähnt, dass diese darunter ganz Israel versteht.
Bei mir hat 10vor10 ein weiteres Mal an Kredit verloren. In der Wikipedia kann ich auch selber lesen und das erst noch gebührenfrei. Immerhin bin ich mir dabei bewusst, dass die Texte von jedermann bearbeitet werden können und deshalb auch mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen sind.
P.S. Qualitativ besser und ausführlicher ist der englische Wikipedia-Artikel zur Hisbollah. Kleiner Tipp von einem Studenten, der sich auskennt im “Wikipedia-Zitate-Verschleiern”: Vielleicht das nächste Mal dort klauen und übersetzen - fällt weniger auf.

Exzellent! Sehr gut geschriebener Post!
Comment von Sisyphos — 14.07.06 um 15:02
Danke für den Beitrag! Gibt leider viel zu wenige davon. Dieses Anit-Israelische und Anti-Amerikanische Gehabe gepaart mit dem Links-Populistischen Boulevard Journalismus gehört nicht ins öffentlich-rechtliche Fernsehen und darf schon gar nicht in der Tagesschau als Nachrichten Sendung beworben werden. Wenn überhaupt ist es schlechtes Infotainment!
Comment von MaNaM — 15.09.06 um 00:11