Freie Gedanken

Unerfreuliches Dienstags-Clubbing

von Bastian am 26.07.06

Hat jemand gestern den “Club” (Video-Stream hier) auf SF 1 gesehen? Seit gestern beneide ich die Deutschen um Sabine Christiansen. Da habe ich mich zwar gewundert über Frau Wieczorek-Zeul und Herrn Kienzle, aber es kam eine ganz vernünftige Diskussion zustande, in der beide “Seiten” ihre Sicht der Dinge präsentieren konnten.

Die Gästeliste des “Clubs” las sich eigentlich ganz passabel. Ich dachte, der Filmemacher und Mitglied einer linksextremen Partei, Samir, würde nicht ganz meine Meinung vertreten, doch das wäre in Ordnung. Es sollte schlimmer kommen. Samir monopolisierte die Diskussion mit emotionalen Brandreden gegen Israel. Vernünftige Stimmen wie die des NZZ-Auslandschefs Kamer liess er praktisch nicht zu Wort kommen oder zerriss jede mässigende Bemerkung.

Die Sendung startete schon gut. Drei tote Soldaten habe es gegeben am 12. Juli beim Überfall der Hisbollah, meinte der Moderator Ueli Heiniger. Es waren deren acht, aber wer nimmt’s in der letzten Sendung schon genau mit den Fakten. Die Pädagogin Lendorff-El Rafi findet zwar den Angriff der Hisbollah “nicht richtig”, aber die Reaktion, unverhältnismässig, grausam blabla… Ich kann es ihr nicht übel nehmen, sie hat Verwandte im Libanon, deshalb sind die Emotionen verständlich. Dann viel Israel-Bashing von Samir. Kamers Einwände, die Israels Position wenigstens halb verständlich machen sollen, lässt er nicht gelten. Er sei schliesslich kürzlich im Libanon in den Ferien gewesen. Er könne sich nicht vorstellen, dass die Hisbollah dies plante. Vielmehr müsse Israel den Konflikt von langer Hand vorbereitet haben. Ich überlege mir, wegzuschalten, nicke stattdessen kurz ein. Im Libanon seien in der Politik nur Klientelinteressen vertreten, nur einen Kommunisten gebe es. Dadurch aufgeweckt, muss ich überlegen, wie Samir das meint - er versteht “Kommunist” als Gütesiegel.

Weiter geht es mit Samir: Libanon verliere viele Einnahmen durch den Tourismus. “Hallo, was ist mit Israel?”, möchte man einwerfen. Ein Drittel des Landes wird täglich mit hunderten von Raketen beschossen und die Menschen leben im Bunker. Da gibt es normalerweise auch Touristen. Aber Israel interessiert hier niemanden. Vielmehr möchte der Moderator wissen, woher die “israel-kritische” Haltung vieler Schweizer komme? Man ist sich einig, die Schuld liegt bei Israel und Lendorff-El Rafi lobt dies als “differenzierte Meinung”. Dann etliche Gleichsetzungen von “Fundamentalisten” auf beiden Seiten. In Israel gebe es schliesslich die Orthodoxen. “Berüchtigt für ihre Kidnappings, Terroranschläge und ihr Raketenarsenal?”, möchte man einwenden. Samir weiss: “Eigentlich will die Mehrheit der Menschen im Nahen Osten Frieden, aber natürlich gibt es immer irgendwelche Orthodoxen.” Alles klar. Ich bin für eine NATO-Truppe, die endlich mal gegen die orthodoxen Juden vorgeht. Schliesslich dreht sich die Diskussion um die Hisbollah. Marise Lendorff-El Rafi widerspricht der Bezeichnung als islamistische Terrororganisation. Es sei eine einfache Guerillaorganisation mit einer islamischen Lebensphilosophie, was bedeute, dass man für den Nächsten schaue und hilfsbereit sei. “Und die Juden auslösche”, möchte man einwerfen. André Marty und Yves Kugelmann machten zwar einen vernünftigen Eindruck, äusserten aber so gut wie keine Meinung, obwohl sie wahrscheinlich dafür eingeladen wurden, die israelische Position zu erklären. Rolf Lyssy, der sich zur israelischen Friedensbewegung bekannte, war fast noch ein Lichtblick in dieser Diskussionsrunde.

Interessante Fragen wurden gar nicht erst diskutiert. Was wären die Alternativen, die Israel gehabt hätte? Wie kommt die Region wieder zur Ruhe? Wie erreicht man einen Waffenstillstand? Eine Eingreiftruppe? Wie kriegt man die Hisbollah klein? Aber darum ging es nicht, es ging um Emotionen und darum, dass inkompetente Leute, die vielleicht gute Filme machen, aber nichts von der Situation im Nahen Osten verstehen, eine grosse Klappe haben dürfen.

7 Kommentare »

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  1. zum guten glück habe ich mir das ersparen können. danke trotzdem für die inkenntnissetzung :) . von politischen SF-sendungen ist ja aber grundsätzlich nichts anderes zu erwarten.

    Comment von tma — 26.07.06 um 18:37

  2. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Jede Sendung bietet eine neue Chance. Vielleicht ist es auch eine masochistische Ader und ich ärgere mich gerne. Oder ich möchte wissen, was der durchschnittliche Schweizer Medienkonsument vermittelt bekommt. Wahrscheinlich eine Mischung davon.

    Ich möchte übrigens noch bemerken, dass ich es sehr wohl für nötig halte die militärischen Aktionen Israels zu kritisieren. Elektrizitätswerke halte ich z.B. nicht für legitime Ziele und Streubomben nicht für legitime Waffen. Ich verurteile deswegen nicht die gesamte militärische Reaktion (zu der ich keine realistischen Alternativen sehe). Wenn ich hier “Israel-Kritiker” wiederum kritisiere, dann tue ich das, weil ihre Reaktion total “unverhältnismässig” (mein neues Lieblingswort) und für mich unverständlich ist.

    Comment von Bastian — 26.07.06 um 19:08

  3. http://www.sf.tv/sf1/rundschau/index.php?docid=20060719

    Ich habe mich schon über die letzte Rundschau aufgeregt, da kam glaub ich auch derselbe Regiseeur zu Wort. Warum eigentlich, kommen immer Leute zu die keine Ahnung haben? Ist so wie wenn sich die Dixie Chicks oder Bono zum Irakkreig äussern, macht für mich kein Sinn, aber gut, was macht beim SF schon Sinn, ausser den eingekauften Serien ist alles für den Müll, was dieses zwangsfinanzierte TV zusammenschnipselt.

    Comment von Ray — 26.07.06 um 19:59

  4. Dank dir, Bastian, für die Zusammenfassung. Ich hatte leider keine Zeit, mir den Club zu Gemüte zu führen. Als ich sah, dass Samir mit von der Partie sein würde, war mir klar: er reisst alles an sich. Ich versuche verzweifelt herauszufinden, woher die israel-feindliche Haltung der Schweizer kommt - jenseits des pazifistischen Geschwafels, der Turnübung mit dem “jüdischen Weltkongress” und den Entschädigungen zahlenden Schweizer Banken.
    Schade, dass vergessen wird, dass junge israelische Soldaten dafür kämpfen und im schlimmsten Fall sterben, die Welt etwas sicherer zu machen. Auch in unserem Interesse. Schade, dass Hizbullah als Wohltätigkeitsorganisation - sie war tatsächlich einmal sozial tätig - eingestuft wird von vielen Schweizern. Vor allem von realitätsfernen Journalisten. Schade, dass ein Dialog nicht einmal hierzulande möglich ist.

    Comment von anaximander — 27.07.06 um 00:17

  5. Ich habs mir und meiner Freundin angetan. Dieser Samir war ja schon deftig, völlig durchgeknallt. Kamer (”H.K.”) ist zwar in meinen Augen so etwas wie ein Zeitungsstar, seine Kommentare sind jeweils ein Genuss in der NZZ. Doch wie du sagst, er war in meinen Augen der einzige der sinnvolles zu sagen gehabt hätte und wurde vom Sperrfeuer von diesem Samir wirksam niedergehalten. Der Herr Kugelmann seinerseits schien nicht aufhören zu wollen zu sagen wie wenig er die israelische Aktion guthiess und hätte sich wohl am liebsten persönlich bei allen entschuldigt. Ansonsten einen einzuladen, der “Peace Now” nahesteht, finde ich auch ziemlich langweilig, da so niemand die israelische Aktion wirksam verteidigt. Insgesamt waren sich ja alle ziemlich einig dass Israelis ganz bös sind.

    –> Klar ungenügend.

    Comment von Sisyphos — 29.07.06 um 18:58

  6. Bis am Dienstag wusste ich ja nicht, wer sich hinter dem Kürzel H.K. verbirgt. Seine Kommentare sind in tatsächlich immer ein Genuss.

    Herrn Kugelmann kenne ich zu wenig. Ich vermute, er wollte den Eindruck vermeiden, Schweizer Juden stünden bedingungslos hinter Israel (was natürlich auch nicht so ist).

    Comment von Bastian — 29.07.06 um 19:13

  7. Habe die Sendung auch gesehen. Es ist nicht einfach, bei uns über dieses Thema zu diskutieren. Die Meinungen sind gemacht. Die Stimmungslage wurde heute an der Demo in Bern überdeutlich. Die beliebige Auswahlsendung linker Weltverbesserer. Die Vorstellung, es könnte möglich sein, dass jemand einem vorsätzlich Böses will, liegt ausserhalb unserer Radarschirme. Dabei müsste man nur richtig zuhören, was die Hizbollah-Führer sagen. Übrigens ist Nachdenken durchaus erlaubt, so dass eine kritische Haltung auch gegenüber der israelischen Position nicht an der Garderobe abgegeben werden muss.

    Comment von wachovsky — 29.07.06 um 21:05

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