Wir manipulieren
Falsche Opferzahlen in Kana und manipulierte Bilder bei Reuters (ein anderer Fall hier) sind nur die Spitze des Eisberges. Meistens läuft die Manipulation zu Ungunsten Israels um einiges subtiler ab. Ich nehme als Beispiel den Tages-Anzeiger von letztem Samstag. Schon die Überschrift auf der Frontseite macht klar, wohin die Reise geht:

Israel wird hier bewusst böse Absicht unterstellt. Warum heisst es nicht “Israel zerstört letzte Brücken für Waffenlieferungen aus Syrien”? Um das Verhindern von Hilfskonvois geht es Israel sicherlich zuletzt.
Auf Seite fünf dieses Satellitenfoto aus Beirut. In der Bildunterschrift steht: “Beirut, vom Satelliten aufgenommen: Links beim Kriegsbeginn am 12. Juli, rechts am 31. Juli nach Bombardierungen durch Israels Luftwaffe.”
Mehr Information gibt es zu diesem Bild nicht. Der Leser sieht einen komplett zerstörten Stadtteil. Sinnlose Verwüstung, so scheint es. Die New York Times hat dieselben Bilder auf ihrer Website veröffentlicht, jedoch mit mehr Informationen. Es handelt sich bei dem gewählten Ausschnitt um den Beiruter Vorort Haret Hreik, eine eigentliche Hisbollah-Hochburg (siehe auch diese Karte von Beirut). Gemäss New York Times befinden sich im bombardierten Bereich hauptsächlich Büros der Hisbollah. Das Gelände war umzäunt und bewacht. Schulen, eine Moschee und eine Kirche, die sich ganz in der Nähe befinden, sehen unberührt aus. In diesem Kontext verändert sich die Aussage des Bildes komplett. Was im Tages-Anzeiger nach blinder Zerstörungswut aussieht, wird in der New York Times zum Beweis der Treffsicherheit der israelischen Luftwaffe. Es ist kein Zufall, dass der Tages-Anzeiger seinen Lesern diese Informationen vorenthält. Dies verdeutlicht der Kommentar unter dem Bild, der mit folgender Überschrift versehen ist:

Eingeleitet mit den Worten:
Längst ist nicht mehr nur die Hizbollah das Ziel der israelischen Angriffe. Die Libanesen fragen sich, welche Absicht wirklich hinter den Zerstörungen steht.
Zum Beweis dient offenbar obiges Satellitenfoto, das perfiderweise eigentlich zeigen würde, dass genau die Hibollah das Ziel ist. Astrid Frefel, die hier schreibt, weiss dies. Aber es passt nicht in ihr Schema:
Jeden Tag wird der Libanon ein Stück mehr zerstört, kommt er seinem Zerfall ein Stück näher. Die Menschen können sich längst keinen Reim mehr auf diese sinnlose Verwüstung machen.[…]
Weshalb also die kategorische Weigerung Israels, einen Waffenstillstand zu akzeptieren? Blinde Wut über die erlittene Schmach der ersten Kriegstage, sagen die einen, ein Krieg gegen die Schiiten, andere. Israel wolle, dass das libanesische Staatsmodell scheitere, erklärte Ghassan Tueni, der Besitzer der liberalen Beiruter Tageszeitung «al-Nahar», in einem Fernsehinterview. Ein demokratischer, multiethnischer und multireligiöser Libanon könnte eine Gefahr für Israel sein, weil der jüdische Staat von einem solchen Staatskonzept nichts wissen will. Ein gescheiterter Libanon würde zudem weiterhin ausländischen Einfluss legitimieren, allerdings nicht nur israelischen, sondern auch syrischen, iranischen, französischen, englischen und wer da alles im Libanon noch Interessen hat.
Sie lässt dies so stehen. Einmal mehr wird Israel böse Absicht unterstellt, dem es nicht um Selbstverteidigung vor Raketenangriffen oder die Zurückdrängung der Hisbollah gehe, sondern um die Zerstörung eines Staates aus purer Boshaftigkeit. Welches Interesse sollte Israel daran haben?
Der Verlauf des Krieges zeigt auch, dass die unilaterale Strategie Israels zum Scheitern verurteilt ist. Es versucht seinen Nachbarn und den Palästinensern seinen Willen aufzuzwingen, sei es mit militärischer Gewalt, mit einseitigen Rückzügen oder mit einer Mauer.
Das Resultat sind jedes Mal mehr Gewalt und weniger Sicherheit und Schockwellen, die im Nahen Osten immer grössere Kreise ziehen.
Egal, ob Rückzug oder militärisches Vorgehen: Israel hat gemäss Astrid Frefel nur die Wahl zwischen falsch und verkehrt und ist an der Gewalt selbst Schuld. Nach dieser Logik müsste sie gegen den 2000 erfolgten Abzug aus dem Südlibanon gewesen sein, was ich kaum annehme. Ganz nebenbei, hat der Sicherheitszaun/-mauer wohl die Sicherheit erhöht.
Abgesehen von den inhaltlichen Schwächen ist Astrid Frefels Text ein Meinungsstück und darf grundsätzlich Stellung beziehen. Die Manipulation mit Überschriften und Bildern in der “objektiven” Berichterstattung ist jedoch kaum zufällig. Fast alle Kommentare im Tages-Anzeiger sind stark gegen Israel gerichtet. Nicht nur mir ist dies aufgefallen. Henryk M. Broder schreibt über einen besonders dummen Kommentar im Tages-Anzeiger von letztem Montag:
“Niemand spricht Israel das Recht ab, seine Grenzen zu verteidigen. Aber Raketen, die über die Grenzlinie fliegen, gefährden nicht die Existenz des Staates…”, schreibt zum Beispiel Claudia Kühner im Zürcher Tages-Anzeiger.
Wenn aber Raketen, die dazu erfunden wurden, über Grenzen zu fliegen, die Existenz eines Staates nicht gefährden, wer oder was ist dann in der Lage, die Existenz eines Staates zu gefährden? Zu hohe Lohnnebenkosten? Zu niedrige Steuern? Zu viele Arbeitslose? Zu wenige Kinder? Und wie würden die Schweizer reagieren, wenn einer ihrer Grenzkantone mit Raketen beschossen würde? Würden sie mit “Luxemburgerli” von Sprüngli zurück schießen? Oder Coupons von “Migros” aus der Luft abwerfen, mit der Aufforderung: “Stopp Shooting, Start Shopping”?
Der Tages-Anzeiger soll hier als grosse Schweizer Tageszeitung nur ein Beispiel sein, wie Medien mit unausgewogener Berichterstattung Stimmung gegen Israel machen. Eine rationale Erklärung, weshalb das so ist, habe ich nicht. Aber es fällt mir praktisch täglich auf, z.B. auch im Schweizer Fernsehen. Dass das deutsche Staatsfernsehen parteiisch ist, ist seit gestern von einer Analyse bestätigt. Dabei wich ich ganz gerne auf Nachrichten von ARD/ZDF aus, wenn es mir bei SF zuviel wurde. Insgesamt schienen mir die deutschen Newssendungen umfassender und geeigneter, sich eine eigene Meinung in diesem Konflikt zu bilden.


Tja, leider nur ein Beispiel unter vielen. Vgl. aktuell dazu auch:
http://www.samizdata.net/blog/archives/2006/08/more_reuters_pi.html
Comment von gis — 07.08.06 um 07:29
Danke Bastian für deine Bemühungen zu diesem Beitrag. Habe das obige Bild und den darunterstehenden Artikel ebenso gelesen und es reiht sich halt in die typisch schweizerische Medienlandschaft ein. im 10vor10 tönts ja immer genau gleich, besonders wenn eine der beiden Frauen moderiert. Herrn Klapproth kann man da eher weniger etwas vorwerfen.
Was mich vorallem immer wieder stört beim Tagi: Der oben zitierte Artikel ist _nicht_ als Kommentar gekennzeichnet, sondern soll demnach ein “wahrheitsgetreuer” Bericht sein?! Meinungen kann man ja akzeptieren, solange sie als Meinungen verbreitet werden, nicht aber als verkappte Lügen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich den Tagi nur selten anfasse.
Comment von tma — 07.08.06 um 12:12
Du hast recht, dass der Text nicht als Kommentar gekennzeichnet ist. Ich war mir da unschlüssig und habe vom Inhalt auf die Form geschlossen. Sollte es tatsächlich ein Korrespondetenbericht sein, würde es um einiges schwerer wiegen, denn hier werden ganz klar Meinungen transportiert.
Comment von Bastian — 07.08.06 um 12:32
Danke für diesen sorgfältig recherchierten Beitrag.
Seltsam, dieser Tages-Anzeiger. Morgen wird er titeln “Israel hat gestern die allerletzte Brücke zerstört” - und Irene Meyer, die gestern über Damaskus nach Beirut zurückgekehrt ist und heute betont, dass kein Durchkommen von Damaskus nach Beirut sei, wird “die allerletzte Brücke” bestätigen. Soeben habe ich einen Bericht in der FAZ gelesen. Ein Journalist berichtet aus Beirut, er höre den Krieg, sehe ihn aber nicht. Doch Irene Meyer und der Tagi sehen vorwiegend Schutt und Asche. Ich bin mal gespannt, was 10 vor 10 berichtet.
Comment von anaximander — 07.08.06 um 20:30
Noch mehr manipulierte Fotos von demselben Fotografen. Mittlerweile hat Reuters alle 920 zurückgezogen.
Es gibt für mich zwei Möglichkeiten:
1. Der Fotograf stand unter Druck, möglichst spektakuläre Bilder zu schiessen. Vielleicht wird er auf der Basis abgelieferter Fotos bezahlt.
2. Der Fotograf ist ein Hisbollah-Sympathisant. Er wählte seine Motive entsprechend und half auch schon mal nach. Er manipulierte Bilder digital, damit sie die gewünschte Wirkung erzielten.
Die Blogosphäre, die sich mit dem Thema beschäftigt, tendiert zu Möglichkeit zwei.
Comment von Bastian — 08.08.06 um 00:58
Vielen Dank für diesen Artikel.
Comment von feusl — 10.08.06 um 22:29