Freie Gedanken

Schuluniformen: Ist das liberal?

von Bastian am 18.08.06

Die FDP Schweiz ist im Begriff, die Einführung von Schuluniformen zu fordern. Dazu wollte ich eigentlich etwas schreiben. Helmut Stalder im heutigen Tages-Anzeiger nimmt mir diese Aufgabe ab. Unter dem Titel “Liberale Zwangsjacken” fragt er: “Ist das liberal?”

Nur muss man sich fra­gen, was das alles mit den liberalen Werten zu tun hat, welche die Freisinnigen – sorry, sie nennen sich jetzt «Wir Liberalen» – seit geraumer Zeit zu reaktivieren versuchen. Schuluniformen verkörpern ziemlich das Gegenteil all dessen, was liberal wäre.

Freiheit: Uniformen bedeuten Zwang, Eingriff in die eigene Entscheidungsbefug­nis, Aufgabe von Freiheit. Ist das liberal? Selbstverantwortung: Obligatorische Schultracht heisst, dass andere entschei­den. Schüler müssen sich nicht mehr den Konsequenzen ihres Aufzugs stellen. El­tern, Lehrer, Schulleitungen delegieren die Verantwortung an den Staat. Liberal? Individualismus: Kleider sind Aus­druck von Stil und Persönlichkeit. Jugend­liche auf der Suche nach ihrer Identität dürfen nicht mehr ausprobieren, wie sie sich darstellen wollen. Ist das liberal?

Kapitalismus: Uniformen helfen auch, die soziale Herkunft zu verdecken. Das kann Kinder und Eltern in ärmeren Ver­hältnissen entlasten. Nur: Seit wann ist es – aus liberaler Sicht – anstössig, dass sich die einen mehr leisten können als andere? Toleranz: Wie Mao Zedong in der chi­nesischen Kulturrevolution keine Abwei­chung zu dulden und die Staatskinder ins Einheitstenü zu stecken – womöglich noch freisinnig-blau –, ist das liberal?

Ist das liberal? Nein, überhaupt nicht. Gewinnt man damit junge urbane Wähler? Kaum. Verwischt es weiter das Profil einer sich liberal schimpfenden Partei? Ja, das tut es.

15 Kommentare »

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  1. Ich teile Deine Meinung, das ist wenig liberal. Aber - da muss ich ehrlich sein - ich finde es begrüssenswert, dass dieser Weg endlich eingeschlagen werden soll.

    Lange genug haben an unseren Schulen Gruppendruck, Markengeilheit, Handywahn und andere nichtschulischen Trends vom Lernen abgelenkt. Dazu kommt der “touchy-feely” Dreck der gescheiterten antiautoritären 68er Lehrmethoden. Ein Lehrer deines Vertrauens kann dir bestätigen, wie viel Zeit ein Schühler täglich sparen könnte, müsste er nicht dem neusten Trend nachrennen.

    Und hey, wer weiss, vielleicht schafft es die “Ex-Tussy” in der Uniform statt im Top ja, den PISA-Schnitt der Klasse zu heben. Ein Versuch wärs wert.

    Zudem: in welchen Klamotten gehen die Schüler später zur Arbeit? Bei mir im Büro laufen viele in der Uniform #1 rum: dem Anzug.

    Comment von CptEggman — 18.08.06 um 16:53

  2. Handys, Markenfixiertheit und Gruppendruck wird es auch mit Schuluniformen geben, einfach in anderen Bereichen. Elektronische Accessoires, Schuhe (?), Frisuren, Transportmittel, Drogen etc. etc. Das gehört zur Jugend und lässt sich mittels zwangsverodneter Uniformierung nicht beseitigen. Keine “Tussi” wird durch eine Uniform zur züchtigen Klosterschülerin. Dafür geht viel Individualität verloren. Im späteren Leben gibt es ebenso Statusymbole und Gruppendruck. Es hilft nicht als Vorbereitung darauf, wenn SchülerInnen in einer egalitären Scheinwelt aufwachsen.

    Comment von Bastian — 18.08.06 um 17:18

  3. Würden die Schuluniformen der Markengeilheit, wie Eggmann so schön sagt, wegen angeordnet, könnte ich das noch einigermassen verstehen, obwohl der iPod, das Nokia und der Palm nicht unter “Uniform” fallen.
    Doch die Schuluniformen sollen die Integration fördern. Ein solches Ansinnen an eine Schuluniform zu stellen ist geradzu grotesk. Britannien kennt Schuluniformen seit Urzeiten - und die “Integrationserfolge” werden immer sichtbarer.
    Dass das Ganze keines liberalen Gedankens entspringt, versteht sich von selbst. Es ist billigste Gleichmacherei auf unterstem Niveau.

    Comment von anaximander — 18.08.06 um 23:47

  4. Wenn die Kinder schon in der Schule in Uniformen gesteckt werden hat das doch nur Vorteile. Sie werden darauf vorbereitet auch später im Leben immer gleich zu denken wie alle anderen. ANDERS SEIN ist out! Alles muss gleich sein!!!

    P.S: Wer Ironie findet, darf sie behalten

    Comment von Akte: Surveillance — 19.08.06 um 10:29

  5. @Akte

    Jaja, anders sein ist eine prächtige Sache. Ein Mensch hat das ganze Leben Zeit, anders zu sein. Aber ich sehe nicht ein, wieso niemand das Lernen an der Schule, sowie auch die Zusammengehörigkeit der Schüler in den Vordergrund stellt. Und wie Anaximander sagt, in England sind Schuluniformen seit jeher Tradition - ohne dass die armen Kleinen Schäden genommen hätten. Ich verstehe das liberal/konservativ Theater nicht.

    Comment von CptEggman — 19.08.06 um 11:43

  6. Natürlich gibt es auch Argumente für Schuluniformen. Wenn private Schulen oder autonome öffentliche Schulen sich für Schuluniformen entscheiden, dann sollen sie das tun. Mich stört in erster Linie die gesetzlich vorgeschriebene Lösung, zu der es keine (öffentlichen) Alternativen mehr gäbe.

    Mich erstaunt es auch, dass die Schuluniformen ein Instrument zur Integration sein sollen und meist in einem Atemzug mit obligatorischem Schwimmunterricht genannt werden. Sollte das ein verstecktes Kopftuchverbot sein?

    Comment von Bastian — 19.08.06 um 13:14

  7. Ist es exakt, denn mit den Schuluniformen einher geht, dass den Kids das Tragen von religiösen Zeichen verboten ist. Die Kippa fällt weg, das Kruzifix um den Hals, der Christopherus am Armband - und selbstverständlich das Kopftuch.
    Und die “Gruppenzugehörigkeit” soll demonstriert werden, nicht wahr, Eggmann?
    Nachgerade gesund finde ich diese Art Gruppendynamik nicht.

    Comment von anaximander — 19.08.06 um 17:15

  8. Moment, Anaximander, niemand hat da was von Kipp-, Kopftuch und St. Christopherus Verbot gesagt. Das kannst du vergessen, wird auch mit der Einführung der Schuluniform nicht passieren.

    Wieso sehen die Gegner der Schuluniform immer in Reih und Glied marschierende Hitlerjungen bei der Erwähnung des Themas? Es geht doch nicht darum, die Kids geistig zu uniformieren. Es soll lediglich dazu beigetragen werden, dass alle gleiches Recht geniessen dürfen. Auch der Schüler ohne Guccihemd.

    Manchmal sind gewisse Liberale ein bisschen paranoid.

    Comment von CptEggman — 19.08.06 um 18:23

  9. Nun, die Sache ist jetzt sowieso vom Tisch. Ein Verbot religiöser Symbole wurde auch abgelehnt.

    @Eggman
    Es geht nicht um “gleiche Rechte für alle” sondern “gleiche Kleidung für alle”. Niemand ist in seinen Rechten (oder seiner Freiheit) eingeschränkt, wenn ein Mitschüler ein Guccihemd trägt. Ausserdem könnte man mit demselben Argument eine Uniformierung der gesamten Bevölkerung fordern.

    Comment von Bastian — 20.08.06 um 17:05

  10. CptEggmann, das Verbot von Kippa, Kopftuch, Kruzifix war von den Liberalen geplant - und wurde abgeschmettert mitsamt der leiden Uniform.
    Diese ganze Nivellierung nach unten ist mir ein Graus - egal von welcher Partei der Vorschlag stammt.

    Comment von anaximander — 21.08.06 um 12:36

  11. Ich persönlich würde Schuluniformen begrüßen (aus den bekannten Gründen). Das Einzige, was an dieser Forderung nicht liberal ist, dass man das Gewaltmonopol des Staates bemühen will, um das durchzusetzen. Auf einem freien Bildungsmarkt wäre es möglich, Verträge mit Schulen abzuschließen, unter dem Aspekt, welche Schule die Kinder in Schuluniformen zwingt oder nicht. Und sollte jemand sein Bedürfnis nicht befriedigt sehen, dann ist das Pech. Ich muss schließlich auch damit leben, dass es z. B. keine Lochkartenleser für die USB-Schnittstelle gibt.

    Comment von Alex — 25.08.06 um 09:04

  12. Alex, du hast natürlich recht. In einem freien Bildungsmarkt wäre das eine Sache der Vertragsfreiheit.

    Comment von Bastian — 25.08.06 um 20:30

  13. In der heutigen NZZ am Sonntag gibt es eine kurze, liberale Stellungsnahme dazu. Nichts neues, aber lesenswert.

    Comment von Timriddance — 03.09.06 um 16:33

  14. ist der individualismus wirklich eine gute sache? ist es eine gute sache, wenn kinder klamotten, welche z.t. über 130.- kosten tragen müssen, nur um “individuell” zu sein, obwohl sie schlussendlich nichts anderes tun, als dem trend zu folgen.

    ist es für eine alleinerziehende mutter einfach dem kind diese markenkleider zu zahlen, nur damit dieses nicht von gleichaltrigen ausgestossen wird?

    individualisierung, noch ein mal; es gibt keine. sie ist einbildung. ihr älteren herren, seht doch einmal genau hin. was bietet denn die individualisierung den jungen leuten? ein paar kleiderläden, in denen sie sich einkleiden. z.b. h&m. wie oft kommt es vor, dass man im ausgang jemanden mit den gleichen kleidern antrifft. was ist daran individuell? ist es individuell dass alle einen i-pod haben? ich glaube nicht, oder täusche ich mich?

    das kapitalsystem gibt ein paar sogenannte “styles” zur auswahl. die kids und auch viele forscher bilden sich ein, dass dies etwas mit individualisierung zu tun hat. aber weit gefehlt. wir sind ja jetzt schon alle gleich. nur bilden wir uns ein es nicht zu sein.

    Comment von m.croche — 08.09.06 um 11:34

  15. http://www.the-end.ch/?p=362

    Comment von m.croche — 10.09.06 um 18:30

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