Hauptsache etwas verbieten
Schreckliche und tragische Ereignisse geschehen und sie werden auch in Zukunft geschehen. Es gibt Dinge, die können Politiker nicht verhindern, auch wenn sie es gerne täten oder vorgeben, es zu können. Zwei voneinander unabhängige Verbrechen bestimmen zurzeit die schweizerische resp. deutsche Medienöffentlichkeit. Der eine Vorfall ist die Mehrfachvergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens in Seebach, der andere ist der Amoklauf eines Schülers in Emsdetten. In beiden Fällen handelt es sich um jugendliche Täter.
Begangene Verbrechen sind in erster Linie Sache der Justiz. Es ist ihre Aufgabe, Schuldige ihrer Strafe zuzuführen und damit ein Mindestmass an Gerechtigkeit wiederherzustellen. Der emotional aufgeladenen medialen Öffentlichkeit ist das oft nicht genug. Politiker werden nach Rat und Sofortmassnahmen gefragt und sie wissen die begehrte Aufmerksamkeit für ihre Propaganda zu nutzen. Die an Hysterie grenzende Aufgeregtheit bietet die Gelegenheit für allerlei Verbote und Gesetzesverschärfungen, die normalerweise nur Kopfschütteln auslösen würden.
So nutzt die SVP die ausländische Herkunft der jugendlichen Vergewaltiger, um gegen Immigration zu wettern und Aberkennung der Staatsbürgerschaft zu fordern. Die christlichen Fundamentalisten der EVP sehen die Stunde gekommen, um christliche Moralvorstellungen andern aufzuzwingen und “Sexinserate” zu verbieten. Natürlich um junge Menschen vor “Sexangeboten zu schützen”. Auch der obligate Ruf nach stärkerer Kontrolle des Internets darf nicht fehlen. In Deutschland will die CDU “Killerspiele” (welch ein dummes Wort) verbieten. Eine Forderung, die bereits im Koalitionsvertrag vorhanden war. Bis anhin fehlte wohl die nötigen Emotionalisierung der öffentlichen Meinung, um der Forderung zum Durchbruch zu verhelfen.
Was die geforderten Massnahmen überhaupt mit den ursprünglichen Ereignissen zu tun haben oder ob sie diese verhindert hätten, wird zur Nebensächlichkeit. Warum fragt sich beispielsweise niemand, weshalb strenge Waffengesetze den Emsdettener Amokläufer nicht aufhielten? Michael Moore?
Zum Vorschein kommt ein tiefes Misstrauen der Politiker-Generation gegenüber der Jugend und ihren Gewohnheiten. Neue Technologien und deren Möglichkeiten sind den Älteren suspekt. Internet, Handy und Computerspiele werden zu Sündenböcken gemacht, die die Jugend verderben würden. Das betrifft keineswegs nur Erotikangebote oder Ego-Shooter, für die schon heute klare und ausreichende Altersbeschränkungen existieren, sondern auch Chat-Rooms, Social-Networking Seiten und Handy-Videos kommen unter Beschuss. Früher war es die Rock-Musik oder das Fernsehen, was angeblich die Jugend verderben sollte.
Der blinde politische Aktionismus und die propagandistische Ausschlachtung von tragischen Ereignissen ist unerträglich. Am Ende steht meist ein Gesetz, das jahrzehntelang Bestand hat. Es wäre nicht zuviel verlangt, dass die Verantwortlichen bei dessen Ausarbeitung einen kühlen Kopf behielten. Wobei…
Mehr zum Thema:
Zettels Raum: Der Gesetzgebungsreflex
Welt.de: Die unnützen Reflexe überforderter Politiker

Selbstverständlich wird mit einem Verbot von Ego-Shootern rein gar nix bewirkt.
1.) Der Amokläufer in Emsdetten war bereits 18, somit volljährig, und hat daher freien Zugang zu indizierten Medien.
2.) Geht´s auf legalem Weg nicht, besorgt man´s sich auf illegalem Weg; das Internet ist riesig und unkontrollierbar.
Abgesehen davon geht de Verbots-Hysterie mal wieder völlig am Thema vorbei.
1.) Wer zwischen Fiktion und Realität nicht trennen kann, hat ein schwerwiegendes psychisches Problem. Und wenn Ego-Shooter verboten werden, kann sich so ein Mensch z.B. über Literatur oder Musik eine andere Projektionsfläche suchen und auch finden.
2.) Wäre es zu keinem Amoklauf gekommen, wenn der Amokläufer nicht im Besitz von Schusswaffen gewesen wäre. Hier müsste, wenn schon von Verboten die rede ist, eingesetzt und Schusswaffen für den Privatgebrauch generell verboten werden. Ausnahmen muß es z.B. bei Jägern oder Sportschützenvereinen geben, aber da müssen dann eben hohe Auflagen gemacht werden… Waffe und Munition sind getrennt voneinander aufzubewahren, und die Waffe muß unter Verschluss gehalten werden, undzwar nicht zu Hause, sondern in einem großen Tresor in einer dafür einzurichtenden Waffenkammer, wo Waffe und Munition aufbewahrt, ausgegeben und nach der Jagd / dem Training / dem Wettbewerb wieder abgegeben werden müssen. Sowas ist übrigens bei der Bundeswehr gang und gäbe. Warum nicht auch darüber hinaus ?
3.) Würde man Ego-Shooter verbieten, müßte man den Weg konsequent weitergehen. Das würde dann dazu führen, z.B. einen Teil von Grimm’s Märchen verbieten zu müssen (oder sind die Mordanleitungen, wie etwa in Schneewittchen, kindgerecht ? Trotzdem kriegen Dreijährige sowas vorgelesen), ebenso müßten dann z.B. auch Krimi-Klassiker wie die von Doyle oder Christie der Zensurkeule zum Opfer fallen. Ebenso gälte das für Sendungen wie “Aktenzeichen XY ungelöst” (bessere Anleitungen zu Verbrechen kann man doch nicht bekommen)… und zu guter Letzt dürfen die Nachrichten natürlich nicht fehlen. Und übrigens: warum werden Zeichentrickserien nicht verboten, in denen viel Gewalt vorkommt ? Sei es “The Simpsons” oder “Roadrunner” oder “Tom & Jerry” ? Ist die Gewalt dort etwa “kindgerecht ?
Mir geht es natürlich nicht darum, all die aufgeführten Dinge verboten zu bekommen… aber um das Ganze ad absurdum zu führen… würde man den Weg tatsächlich gehen,müßte sogar die Bibel verboten werden.
Comment von Sparrowhawk — 24.11.06 um 02:37
Zustimmung zu 1)
2) bringt nicht das geringste. Wer eine Waffe haben will, kann sie sich beschaffen auf welchem Weg auch immer, notfalls klauen und wenn möglich noch jemanden verletzen dabei. Das ganze Gelabber um Waffen ist Schwachsinn. Oder willst du Backsteine verbieten?, Gabeln, Messer?
3) Du hast die Tagesschau, die wohl grausamste Sendung der Fernsehanstalten vergessen. Nur noch Positives und Erfreulich es berichten…
Comment von anaximander — 24.11.06 um 14:26
zu 3.)
“und zu guter Letzt dürfen die Nachrichten natürlich nicht fehlen.”
Hat übrigens nix mit “Erfreulich” oder so zu tun… aber müssen, zum Beispiel bei Kriegsberichterstattung, in den Nachmittags-Nachrichten abgerissene Körperteile gezeigt werden ? (so geschehen in Jugoslawien-Krieg vor ca. 7 Jahren)
Solche realen Gewaltdarstellungen sind doch viel schädlicher als irgendeine Fiktion.
Comment von Sparrowhawk — 24.11.06 um 16:35
Anscheinend ist heutzutage niemand mehr für seine eigenen Tatan verantwortlich. Gut dass es genügend Experten gibt die bei diesem Theater mitmachen. Weg mit individueller Verantwortung, her mit den Sündenböcken!
Comment von mrpresident — 29.11.06 um 12:39