Freie Gedanken

Von Armut und Vontobel

von Bastian am 07.05.06

Über den Wirtschaftsjournalisten Werner Vontobel vom SonntagsBlick haben sich schon andere geärgert (siehe Statler & Waldorf). Auch seine Kolumne von heute “Wirtschaftswachstum macht die Armen noch ärmer” ist ein Lehrstück in Demagogie. Vontobel wirft mit Statistiken um sich, dass es kracht. Man könnte das Gefühl kriegen, hier sei jemand tatsächlich kompetent.

Er bezieht sich auf eine Publikation eines britischen globalisierungskritischen Think-Tanks, die kaum Substanz aufweist. Ihr Ansatz und somit auch der von Vontobel ist irreführend. Er beklagt, dass zuwenig des globalen Wirtschaftswachstums den Einkommen der Armen zukomme und schliesst daraus, dass Wirtschaftswachstum den Armen generell nicht helfen könne. Doch die globale Perspektive ist hier denkbar schlecht gewählt. Warum sollte sich beispielsweise Wirtschaftswachstum in den USA merklich auf das Einkommen eines afrikanischen Bauern auswirken? Was den Bauern viel mehr betrifft, ist lokales Wachstum in seinem Land und seiner Region (v.a. solange er durch Zölle daran gehindert wird, in die Industriestaaten zu exportieren). Wenn man seriöse Statistik betreiben will, muss man sich die lokale Wirtschaftsentwicklung ansehen. Eine Studie der Weltbank, die dies in 92 Ländern über die letzten 40 Jahre getan hat, kommt zum Schluss, dass Arme und Reiche gleichermassen vom Wirtschaftswachstum profitieren. Die Einkommen der Armen steigen proportional zu denjenigen der Reichen.

Vontobels Fazit, das Wachstum habe bisher nichts zur Bekämpfung der Armut beigetragen, ist mehr als kühn. Insbesondere, da die Entwicklung in Asien das exakte Gegenteil beweist. In China hat sich die absolute Armut seit der Einführung marktwirtschaftlicher Reformen 1978 von 64% auf 16% reduziert und das sind nur die Zahlen bis 2001. Gemäss Tim Harford hieven sich täglich eine Million Chinesen aus der absoluten Armut. Ohne Wachstum wäre diese Entwicklung undenkbar.

Doch es wird noch kühner. Vontobel behauptet: “Deshalb drängt sich eine andere Lösung auf: Umverteilung.” Die fehlende Nachhaltigkeit dieses Vorschlages verwirft er mit dem “Argument”: “von der absoluten Gleichheit ist die Welt ohnehin noch weit entfernt.” Er erwähnt nicht, dass dieser Ansatz in der Vergangenheit kläglich gescheitert ist. In den letzten 50 Jahren floss mehr als eine Billion US-Dollar nach Afrika. Die Armut ist heute grösser als vor 20 Jahren und das Wirtschaftswachstum war im gleichen Zeitraum in den meisten Ländern praktisch inexistent, wenn nicht gar negativ.

Hinzu kommt eine grosse Portion ökologischer Alarmismus, auf den ich an dieser Stelle nicht eingehe, weil es fast schon lächerlich ist. Es grenzt an Menschenverachtung, in paternalistischer Weise ökologische Sorgen über das Schicksal der Armen zu stellen und ihnen jegliche wirtschaftliche Entwicklung vorenthalten zu wollen. Arme Menschen werden sich wenig um ihre Umwelt kümmern, solange sie damit beschäftigt sind, ihr pures Überleben zu sichern. Vontobel geht es in keiner Zeile um das eigentliche Wohlergehen der Armen dieser Welt. Sein Problem ist, dass die verhältnismässig Wohlhabenden ebenfalls reicher werden. Das läuft seiner Idealvorstellung von absoluter Gleichheit entgegen. Die Armen sind für ihn gerade mal Argumentationsstütze, um sich gegen Wirtschaftswachstum und Fortschritt hierzulande wenden. Damit ist den Unterprivilegierten in keinster Weise geholfen.

In diesem Zusammenhang sei auf den viel lesenswerteren Artikel von Tim Harford hingewiesen: Why Poor Countries Are Poor

Der Völkermord in Darfur

von Bastian am 30.04.06


Heute Sonntag finden in verschiedenen Städten der USA Kundgebungen statt, um auf den Genozid im Westen Sudans aufmerksam zu machen und ein verstärktes Engagement der Staatengemeinschaft zu fordern. Einige deutsche Blogs (Liberale Stimme, Extrablog und Atlantic Review) organisieren heute eine virtuelle Demonstration für verstärkte multinationale Friedenstruppen in Darfur. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um auf die Situation in Darfur hinzuweisen. Die hiesigen Medien berichten leider wenig darüber. Die beste Informationsquelle bietet deshalb das Internet.

Die sudanesische Regierung und die von ihr unterstützten Janjaweed-Reitermilizen begehen seit 2003 systematische Massaker, Vergewaltigungen und Vertreibungen an der afrikanisch-stämmigen Bevölkerung in Darfur. Bis heute mussten 1,8 Millionen Menschen aus ihren Dörfern flüchten (bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 6,5 Mio. in Darfur). Ungefähr 220,000 weitere Flüchtlinge leben in Camps im benachbarten Tschad. Über Opferzahlen ist wenig bekannt; Schätzungen gehen von bis zu 400′000 Todesopfern aus. Die Vertreibungen haben die lokale Wirtschaft und den Handel zerstört, deshalb fehlt es den Menschen an Nahrungsmitteln.

Zwar befinden sich Friedenstruppen der Afrikanischen Union in der Region, doch ist die Truppenstärke zu gering und die Ausrüstung unzureichend, um die Zivilbevölkerung effektiv zu schützen. Die Übergriffe der Janjaweed weiteten sich Anfang dieses Jahres gar auf den Tschad aus. Mir scheint deshalb die Forderung an die Staatengemeinschaft, stärkere Friedenstruppen zu entsenden, unterstützenswert.

Als Einzelner kann man zumindest seinen Teil dazu beitragen, dass dieser Genozid nicht von der Öffentlichkeit unbemerkt vor sich geht. Als Einstieg eignet sich dieses Flash-Movie (engl.) sehr gut. Einige informative Links:

Wikipedia - Konflikt in Darfur (de.)

Human Rights Watch - Crisis in Darfur (engl.)
International Crisis Group - Darfur (engl.)
Darfur: A Genocide We Can Stop (engl.)

BBC News - Sudan (engl.)
Blog: Coalition for Darfur (engl.)

Wasser: Privatize it!

von Bastian am 23.03.06

Stellen Sie sich vor, für 97% der Wasserversorgung wären böse multinationale Konzerne verantwortlich und ein Fünftel der Weltbevölkerung hätte keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Es wäre ein Skandal und Sie würden zu Recht nach mehr Staat rufen. Nun ist es in der Realität aber so, dass sich 97% der weltweiten Wasserversorgung in staatlicher Hand befindet und 1,1 Milliarden Menschen ohne Zugang zu Trinkwasser auskommen müssen. Was fordert die Mehrheit? Richtig, sie ruft (paradoxerweise) nach mehr Staat. Ein “Menschenrecht auf Wasser” soll es sein. Als ob jemand Menschenrechte oder Gesetzestexte trinken könnte.

Korrupte, bürokratische und zentralistische Regierungen wären trotz eines neuen Paragraphen nicht in der Lage, eine staatliche Wasserversorgung für die Bevölkerung zu gewährleisten. Im Gegensatz dazu könnten private Anbieter Menschenleben retten, wenn man sie denn liesse. Natürlich braucht es dazu ein Minimum an Rechtssicherheit. Verstaatlichungsdrohungen sind Gift für Investitionen.

Ein beliebtes Argument gegen private Initiative in der Wasserversorgung ist die Befürchtung höherer Preise. Dabei ist die Höhe der Preise zweitrangig, wenn die Bedürftigen an kein Netz angeschlossen sind. Leicht höhere Preise führen dazu, dass die Anbieter Anreize haben, mehr Menschen anzuschliessen, wie der Ökonom Fredrik Segerfeldt vom CATO Institute darlegt:

[The poor people] usually purchase their lower-quality water from small-time vendors, paying on average 12 times more than for water from regular mains, and often more than that. When the price of water for those already connected goes up, the distributor gets both the resources to enlarge the network and the incentives to reach as many new customers as possible. When prices are too low to cover the costs of laying new pipes, each new customer entails a loss rather than a profit, which makes the distributor unwilling to extend the network. Therefore, even a doubling of the price of mains water could actually give poor people access to cheaper water than before.

Das heisst nicht, dass eine Privatisierung der Wasserversorgung ganz problemlos wäre. Sie ist anfällig für natürliche Monopole, deshalb wird es ganz ohne staatliche Regulierung (z.B. einer Lizenzvergabe) nicht gehen. Trotzdem könnte die Zulassung privater Anbieter und die Kooperation mit ihnen vielen Menschen den Zugang zu Trinkwasser ermöglichen. Es ist falsch, dies aus ideologischen Gründen abzulehnen.

Privatisieren, um Leben zu retten! Wäre das nicht ein passender Slogan?

Freihandel, die Zweite

von Bastian am 16.12.05

Afrika braucht den Freihandel, um das, was die Menschen produzieren können auch zu exportieren und so zu Wohlstand zu kommen. So weit, so logisch und einfach. Das reicht aber nicht aus. Auch innerhalb Afrikas ersetzt Entwicklungshilfe keine funktionierende Marktwirtschaft, Eigentumsrechte und die rule of law.

African leaders must be pushed to reduce economic intervention, free financial markets, remove bureaucratic obstacles to setting up businesses, establish property rights and enforce contract law. These are the forces that release entrepreneurial energy. But the ruling cliques will do none of these unless forced to do so as a condition of aid.

Der Leiter des ghanaischen Think-Tanks Imani kritisiert im Wall Street Journal Jeffrey Sachs. Sein Modell (der verstärkten Entwicklungshilfe) habe über 40 Jahre lang Korruption und Tyrannei finanziert.

Protektionismus statt Menschenrechte

von Bastian am 11.12.05

Der gestrige Samstag war Tag der Menschenrechte. Ich persönlich denke dabei besonders an die allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948: das Sklavereiverbot, das Folterverbot, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Eigentumsgarantie. Auch so genannte wirtschaftliche und soziale Rechte gehören dazu (Recht auf soziale Sicherheit, Recht auf Arbeit, Recht auf Nahrung und Gesundheit, etc.). Auf diese sozialen Rechte scheinen sich die Kirchen in der Schweiz zu beziehen, die gestern mit weisser Beflaggung der Kirchtürme ein Zeichen für eine konsequentere Armutsbekämpfung gesetzt haben.

Es zeige, dass die Kirchen gewillt seien, zu globalen Fragen wie der Neuordnung des Welthandels Stellung zu beziehen.
Die Hilfswerke [Fastenopfer, Brot für alle, Caritas und Heks] äusserten die Sorge, der Bundesrat opfere an den WTO-Verhandlungen die Interessen der einheimischen Landwirtschaft zu Gunsten der Exportwirtschaft und einer ungebremsten Liberalisierung. Mit einer solchen Haltung gefährde die Landesregierung die Erreichung der Millenniumsziele, zu denen sie sich selber bekannt habe.

Was nun? Interessen der heimischen Agrarwirtschaft oder globale Armutsbekämpfung? Diese Ziele stehen im Widerspruch zueinander. Auf der einen Seite die Schweizer Bauern, die für Abschottung der Märkte und hohe Zölle kämpfen. Auf der anderen Seite die Bauern der Entwicklungsländer, denen durch Zölle und Subventionen der Marktzugang in den Industrieländern verwehrt bleibt. Was sagen eigentlich die Uno-Milleniumsziele zu diesem Thema? Unter Punkt 8 heisst es da unter anderem: “Address the least developed countries’ special needs. This includes tariff- and quota-free access for their exports.

Genau diese Kirchen und Hilfswerke, die sich auf die Milleniumsziele berufen, arbeiten in Wirklichkeit gegen sie. Ist es Naivität, Heuchelei oder ganz einfach Dummheit?

Get free blog up and running in minutes with Blogsome | Theme designs available here