Freie Gedanken

Politiker im Verbotswahn

von Bastian am 13.03.07

Gesprochen wird von früh bis spät auf allen Kanälen über Rauchen oder die Vernachlässigung der Kinder, nicht hingegen über die Folgen der zunehmenden Auflösung der Grenzen zwischen Staat und Gesellschaft. Die staatliche Regulierung des Individualverhaltens ist zurzeit zwar effektiv das politische Projekt des beginnenden 21. Jahrhunderts, aber man gewinnt mitunter den Eindruck, dass das keiner bemerkt.

Selbstverständlich hat der Staat die individuelle Freiheit schon immer Beschränkungen unterworfen, aber seit dem Ende des Feudalismus in Europa niemals durch diese Art forschen und hemmungslosen Zugriffs auf persönliche Lebenssphären.

Weiterlesen kann man beim NOVO-Magazin: Wo ist die Freiheit geblieben?

Florian Henckel von Donnersmarck

von Bastian am 04.03.07

Florian Henckel von Donnersmarck, Regisseur von “Das Leben der Anderen”, war mir schon an der Oscar-Verleihung äusserst sympathisch und ich freute mich über seine Auszeichnung (obwohl ich den Film leider noch nicht sehen konnte, was ich schleunigst nachholen werde). Offenbar ist der Mann nicht nur ein grossartiger Regisseur, sondern auch liberal denkend. Folgende Interviewauszüge machen ihn nochmal sympathischer:

Thema Ostalgie und Waffenverbote

I really have a profound dislike for any kind of strong government. For example … I even find it worrying when I hear tendencies in the U.S. to abolish something like the freedom of the individual to bear arms.

I get worried about that. Because I always look to the U.S. as an example of an incredibly successful country that was all about empowering the individual. … Of course you’re going to have terrible things that happen if you give individuals that kind of power. But, look at what terrible things happen if you give all that power to the state. For example, in Germany, where we’ve never had that tradition of arming individuals …[…]

It’s so hard to get the right to bear arms. You have to be a major celebrity and have to present a written death threat …

In Germany, people are so proud of that. They say: Look at all the murders in the U.S. But I think … “Look, we Germans — have we really made such great experiences of giving all the power to the state? How do you think the situation would have been in 1938 if, let’s say, all the Jews had been armed? Maybe the Gestapo would have thought twice about just going in there and taking them to the camps.” I just think that … freedom comes at a certain price.

[But], in the whole debate about the G.D.R., how can the people … be longing for life under a dictatorship again? Europeans generally are a little bit like that. Life in Europe is much more cozy, because the state takes care of so much. I do not have to worry about health care … social benefits. But if you go so far that you’re nostalgic for a system that brutally killed its enemies … then I think you should feel guilty for it.

Thema PDS und Gregor Gysi

It’s an absurdity that a legal successor to this party is allowed in our government, the very party that decreed that anyone that tried to leave the East would be shot and the very party that the Stasi was declared shield and sword of. And now, this party is promising to people if they elect them they will bring them back the social economic stability of the east. What many people don’t know is that the economic stability of the East was not paid for.

First of all, they were living in huge debt, then they received huge subsidies from the West- I’ll never understand why they felt the need to do that, but it was done, and then one of the main sources of financing was the selling of political prisoners for Westmarks from the East to the West. That was one of the main sources of income. And I always think when I hear Gregor Gysi promising what he’s going to give people, I always think, if we elect you, and you’re going to give us that economic stability, who will you sell your political prisoners to this time? Do you think the US will buy them? It’s an absurd electoral lie of the most extreme thought. […]

Gregor Gysi is a great talker, and a fantastic speaker, very intelligent, very quick in the head, will always think of a way of phrasing something to incapacitate his political opponents. But then afterwards you go home and you start thinking about it, it makes sense that it sounds great. But he is like that, and actually while writing the character of Grubitz, the boss of Ulrich Mühe, I thought of Gregor Gysi because he is also one of those just happily amoral creatures. One of those people where you feel that in the evening, their evening prayer is, “Thank you God, for not giving me scruples like everybody else has. I’m so glad I’m like that.” And actually on the DVD commentary that I made for the German DVD version of “The Lives of Others”, I talked about how he had inspired this character, and Gregor Gysi had that stopped, because you’re not allowed. Germany is not like America where you have complete freedom of speech and you can say whatever, you can reenact scenes in the Oval Office with scenes of Monica Lewinsky and Bill Clinton and put them on the Internet .

You just can’t do that in Germany, there’s a thing called “Persönlichkeits Recht” which is “The Right of the Personality.” which I think is ridiculous thing that’s being used in Germany, which will allow people to prevent you from being able to do something like that, so he actually damaged us quite a bit economically on that, too. Because we had to take the DVD off the market and all these things.

Für diese mutigen Aussagen werde ich seine DVD kaufen. ;)

Hauptsache etwas verbieten

von Bastian am 23.11.06

Schreckliche und tragische Ereignisse geschehen und sie werden auch in Zukunft geschehen. Es gibt Dinge, die können Politiker nicht verhindern, auch wenn sie es gerne täten oder vorgeben, es zu können. Zwei voneinander unabhängige Verbrechen bestimmen zurzeit die schweizerische resp. deutsche Medienöffentlichkeit. Der eine Vorfall ist die Mehrfachvergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens in Seebach, der andere ist der Amoklauf eines Schülers in Emsdetten. In beiden Fällen handelt es sich um jugendliche Täter.

Begangene Verbrechen sind in erster Linie Sache der Justiz. Es ist ihre Aufgabe, Schuldige ihrer Strafe zuzuführen und damit ein Mindestmass an Gerechtigkeit wiederherzustellen. Der emotional aufgeladenen medialen Öffentlichkeit ist das oft nicht genug. Politiker werden nach Rat und Sofortmassnahmen gefragt und sie wissen die begehrte Aufmerksamkeit für ihre Propaganda zu nutzen. Die an Hysterie grenzende Aufgeregtheit bietet die Gelegenheit für allerlei Verbote und Gesetzesverschärfungen, die normalerweise nur Kopfschütteln auslösen würden.

So nutzt die SVP die ausländische Herkunft der jugendlichen Vergewaltiger, um gegen Immigration zu wettern und Aberkennung der Staatsbürgerschaft zu fordern. Die christlichen Fundamentalisten der EVP sehen die Stunde gekommen, um christliche Moralvorstellungen andern aufzuzwingen und “Sexinserate” zu verbieten. Natürlich um junge Menschen vor “Sexangeboten zu schützen”. Auch der obligate Ruf nach stärkerer Kontrolle des Internets darf nicht fehlen. In Deutschland will die CDU “Killerspiele” (welch ein dummes Wort) verbieten. Eine Forderung, die bereits im Koalitionsvertrag vorhanden war. Bis anhin fehlte wohl die nötigen Emotionalisierung der öffentlichen Meinung, um der Forderung zum Durchbruch zu verhelfen.

Was die geforderten Massnahmen überhaupt mit den ursprünglichen Ereignissen zu tun haben oder ob sie diese verhindert hätten, wird zur Nebensächlichkeit. Warum fragt sich beispielsweise niemand, weshalb strenge Waffengesetze den Emsdettener Amokläufer nicht aufhielten? Michael Moore?

Zum Vorschein kommt ein tiefes Misstrauen der Politiker-Generation gegenüber der Jugend und ihren Gewohnheiten. Neue Technologien und deren Möglichkeiten sind den Älteren suspekt. Internet, Handy und Computerspiele werden zu Sündenböcken gemacht, die die Jugend verderben würden. Das betrifft keineswegs nur Erotikangebote oder Ego-Shooter, für die schon heute klare und ausreichende Altersbeschränkungen existieren, sondern auch Chat-Rooms, Social-Networking Seiten und Handy-Videos kommen unter Beschuss. Früher war es die Rock-Musik oder das Fernsehen, was angeblich die Jugend verderben sollte.

Der blinde politische Aktionismus und die propagandistische Ausschlachtung von tragischen Ereignissen ist unerträglich. Am Ende steht meist ein Gesetz, das jahrzehntelang Bestand hat. Es wäre nicht zuviel verlangt, dass die Verantwortlichen bei dessen Ausarbeitung einen kühlen Kopf behielten. Wobei…

Mehr zum Thema:

Zettels Raum: Der Gesetzgebungsreflex
Welt.de: Die unnützen Reflexe überforderter Politiker

Deutsche Journalisten stehen links

von Bastian am 30.08.06

Die Mehrheit der deutschen Journalisten, steht politisch links. Dass dies mehr als ein Vorurteil ist, bestätigt Heribert Seifert auf medienspiegel.ch:

Unter dem Titel «Die Souffleure der Mediengesellschaft» haben einige Kommunikationswissenschaftler abermals die deutschen Journalisten gründlich durchleuchtet und dabei herausgefunden, dass 2005 immerhin 36% die Grünen bevorzugten, 26% die SPD und 1% die PDS/Linkspartei. Unter Journalistinnen haben die Grünen sogar 43% Anhänger. Die sogenannten «bürgerlichen» Parteien erfreuen sich in der schreibenden und sendenden Zunft höchst mickrigen Zuspruchs: 9% bekennen sich als CDU/CSU-Anhänger, 6% stehen der FDP nahe. Gegenüber der vorherigen einschlägigen Untersuchung aus dem Jahr 1993 hat die Linke hier satt zugelegt (+15%), während die Bürgerlichen 6% verloren.

Auch in der Schweiz dürfte es eine linke Mehrheit unter Journalisten geben.

Die üblichen Reaktionen auf den Terror

von Bastian am 17.08.06

Auf der einen Seite - insbesondere in der Linken - gibt es die Tendenz, auf Terrorakte mit Rechtfertigungen und Entschuldigungen zu reagieren. Sie seien eine reine Reaktion auf eine falsche Politik, die es zu ändern gelte. Vier Artikel, die mit dieser Illusion aufräumen:

“Homegrown Terrorism”, Martin Riexinger in der taz.

“Muslim Myopia”, Irshad Manji in der New York Times.

“These ludicrous lies about the West and Islam”
im Observer.

“Excuse After Excuse” von Victor Davis Hanson.

Auf der anderen Seite - insbesondere bei Konservativen und “Sicherheitspolitikern” - existiert eine Tendenz, jedem (versuchten) Terroranschlag mit aktionistischen Einschränkungen von Freiheiten zu begegnen. Die Wirksamkeit dieser Massnahmen ist oft fragwürdig. Ein Beispiel dafür sind die EU-Innenminister, die folgendes anstreben (Link via Side Effects):

In den einzelnen Ländern sollen Orte, in denen der Extremismus besonders stark wuchere, wie Gefängnisse, Schulen oder religiöse Einrichtungen, ins Auge gefaßt werden - desgleichen “die Rolle der Medien”. Spezialisten der Regierungen und aus der akademischen Welt sollen dann “gezielte Maßnahmen” vorschlagen.

Zweitens hat die EU sich vorgenommen, das Internet zu einem “Feindgebiet” zu machen für Terroristen und solche, die Haß zu verbreiten suchen. Ihnen soll der Umgang mit diesem Medium so gut wie möglich bestritten werden.

Hallo? Seit wann haben Innenminister Einfluss auf “die Rolle der Medien”? Der Angriff auf die Informationsfreiheit im Internet musste früher oder später kommen. Da bieten die verhinderten Anschläge eine willkommene Gelegenheit. Weiter ist eine stärkere Kontrollen von Flugpassagieren geplant:

Man denke daran, eine Art Profil der Fluggäste zu erstellen, das es erlaube, lange vor Antritt der Reise potentiell Verdächtige von anderen zu unterscheiden.

Der britische Minister Reid versicherte jedoch, damit seien nur technische Hilfen wie Fingerabdrücke und biometrische Daten gemeint, nicht etwa eine Unterscheidung nach Volksgruppe oder Religionszugehörigkeit.

“Nur” Fingerabdrücke und biometrische Daten? Das ist eine erhebliche Überwachung. Auf eine Unterscheidung nach Religionszugehörigkeit, die im Sinne der Effizienz absolut sinnvoll wäre, wird hingegen verzichtet. Als potentiell gefährlich gelten junge Männer muslimischen Glaubens und keine atheistischen Grossmütter. Auch wenn es aufgrund politischer Korrektheit wünschenswert wäre, stehen keine unbeschränkten Ressourcen für reine Alibiübungen zur Verfügung.

Die Gefahr besteht weniger in der kleinen statistischen Wahrscheinlichkeit einem Terrorakt zum Opfer zu fallen, denn in der gesäten Angst. Die Taktik des Terrors besteht darin, über diese Angst politischen Einfluss zu gewinnen.
Auch wenn die Islamisten ihre Ziele nicht direkt erreichen, zählen sie auf einen vorauseilenden Gehorsam. Besonders deutlich wurde dies während des “Karikaturen-Streits”, als sofort Tendenzen auszumachen waren, die Meinungsfreiheit zugunsten des Schutzes “religiöser Gefühle” einzuschränken (siehe diesen Post). Ein anderes Beispiel waren die letzten Wahlen in Spanien, wo Terroranschläge den Wahlausgang kurzfristig kehrten. Überdies verzichten verängstigte Bürger leichtfertiger auf ihre Rechte und sind bereit, Einschränkungen ihrer Freiheit hinzunehmen, die davor undenkbar gewesen wären.

Ich halte es für wichtig, die islamistische Bedrohung nicht zu verharmlosen oder zu rechtfertigen. Man muss dieser Ideologie ins Auge sehen und ihre totalitäre und verabscheuungswürdige Natur erkennen. Wenn man sich erstmal dessen bewusst ist, kann man damit nüchterner umgehen und Hysterie vorbeugen. Solange sich viele in die beruhigende Illusion flüchten, der Terror sei lediglich eine Reaktion auf “falsche” Aussenpolitik oder auf die Diskriminierung von Muslimen, werden militante Islamisten in ihren vorgeschobenen Rechtfertigungen und ihrer selbstauferlegten Opferhaltung bestätigt. Umso unüberlegter und überstürzter würden gesetzgeberische Reaktionen ausfallen, sollte es einmal zu einem Terrorakt in Deutschland, Frankreich oder gar der Schweiz kommen und Bush und Blair nicht mehr als Sündenböcke taugen.

Günter GraSS

von Bastian am 16.08.06

Vielleicht ist es zu einfach, nun auf Günter Grass herumzuhacken. Die Blechtrommel habe ich mit Genuss gelesen und der Nobelpreis, den er dafür erhielt, wird auch durch seine Vergangenheit nicht abgewertet. Anders der politische Grass: Seine unqualifizierten politischen Äusserungen waren schon immer eine Zumutung. Mit seinem Geständnis reiht er sich ein in eine Tradition prominenter europäischer Intellektueller (u.a. Jean-Paul Sartre), die die Gefahr des Faschismus nicht erkannten und dieses Defizit später durch einen penetranten Linksextremismus zu kompensieren suchten. Dem Hang zu Antiliberalismus und Totalitarismus konnte er dabei treu bleiben, wie dieser Kommentar in der FTD bemerkt:

Wie gelangt ein junger Mann, der bei der Waffen-SS diente und dies später als Irrtum erkannte, in seinem weiteren Leben zu einem so radikalen Antiliberalismus? Grass’ Geschichte spiegelt die Lebenslüge der deutschen Linken. Sie glaubten, links sei das Gegenteil von rechts, und linksextrem sei das Gegenteil von rechtsextrem. Sie sahen sich als die wahren Antinazis. Sie betrachteten die bürgerlichen Parteien CDU, CSU und FDP als die Fortsetzung des Faschismus mit anderen Mitteln. Noch absurder ist, dass sie die USA in demselben Licht betrachteten, ungeachtet dessen, dass ohne Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg der Faschismus gesiegt hätte.

Sie übersahen, dass sich die Extreme des politischen Spektrums überlappen. Linke und rechte Extreme haben gemein, dass sie individuelle Freiheit und Marktwirtschaft ablehnen. Sie mögen zwar unterschiedlich stark antiamerikanisch, antikapitalistisch und antisemitisch sein. Aber es sollte nicht erstaunen, dass einer, der heute am linken politischen Rand gegen Amerika pöbelt, irgendwann von der rechten Seite her gegen Amerika kämpfte.

« ältere Einträge

Get free blog up and running in minutes with Blogsome | Theme designs available here