Auf der einen Seite - insbesondere in der Linken - gibt es die Tendenz, auf Terrorakte mit Rechtfertigungen und Entschuldigungen zu reagieren. Sie seien eine reine Reaktion auf eine falsche Politik, die es zu ändern gelte. Vier Artikel, die mit dieser Illusion aufräumen:
“Homegrown Terrorism”, Martin Riexinger in der taz.
“Muslim Myopia”, Irshad Manji in der New York Times.
“These ludicrous lies about the West and Islam” im Observer.
“Excuse After Excuse” von Victor Davis Hanson.
Auf der anderen Seite - insbesondere bei Konservativen und “Sicherheitspolitikern” - existiert eine Tendenz, jedem (versuchten) Terroranschlag mit aktionistischen Einschränkungen von Freiheiten zu begegnen. Die Wirksamkeit dieser Massnahmen ist oft fragwürdig. Ein Beispiel dafür sind die EU-Innenminister, die folgendes anstreben (Link via Side Effects):
In den einzelnen Ländern sollen Orte, in denen der Extremismus besonders stark wuchere, wie Gefängnisse, Schulen oder religiöse Einrichtungen, ins Auge gefaßt werden - desgleichen “die Rolle der Medien”. Spezialisten der Regierungen und aus der akademischen Welt sollen dann “gezielte Maßnahmen” vorschlagen.
Zweitens hat die EU sich vorgenommen, das Internet zu einem “Feindgebiet” zu machen für Terroristen und solche, die Haß zu verbreiten suchen. Ihnen soll der Umgang mit diesem Medium so gut wie möglich bestritten werden.
Hallo? Seit wann haben Innenminister Einfluss auf “die Rolle der Medien”? Der Angriff auf die Informationsfreiheit im Internet musste früher oder später kommen. Da bieten die verhinderten Anschläge eine willkommene Gelegenheit. Weiter ist eine stärkere Kontrollen von Flugpassagieren geplant:
Man denke daran, eine Art Profil der Fluggäste zu erstellen, das es erlaube, lange vor Antritt der Reise potentiell Verdächtige von anderen zu unterscheiden.
Der britische Minister Reid versicherte jedoch, damit seien nur technische Hilfen wie Fingerabdrücke und biometrische Daten gemeint, nicht etwa eine Unterscheidung nach Volksgruppe oder Religionszugehörigkeit.
“Nur” Fingerabdrücke und biometrische Daten? Das ist eine erhebliche Überwachung. Auf eine Unterscheidung nach Religionszugehörigkeit, die im Sinne der Effizienz absolut sinnvoll wäre, wird hingegen verzichtet. Als potentiell gefährlich gelten junge Männer muslimischen Glaubens und keine atheistischen Grossmütter. Auch wenn es aufgrund politischer Korrektheit wünschenswert wäre, stehen keine unbeschränkten Ressourcen für reine Alibiübungen zur Verfügung.
Die Gefahr besteht weniger in der kleinen statistischen Wahrscheinlichkeit einem Terrorakt zum Opfer zu fallen, denn in der gesäten Angst. Die Taktik des Terrors besteht darin, über diese Angst politischen Einfluss zu gewinnen.
Auch wenn die Islamisten ihre Ziele nicht direkt erreichen, zählen sie auf einen vorauseilenden Gehorsam. Besonders deutlich wurde dies während des “Karikaturen-Streits”, als sofort Tendenzen auszumachen waren, die Meinungsfreiheit zugunsten des Schutzes “religiöser Gefühle” einzuschränken (siehe diesen Post). Ein anderes Beispiel waren die letzten Wahlen in Spanien, wo Terroranschläge den Wahlausgang kurzfristig kehrten. Überdies verzichten verängstigte Bürger leichtfertiger auf ihre Rechte und sind bereit, Einschränkungen ihrer Freiheit hinzunehmen, die davor undenkbar gewesen wären.
Ich halte es für wichtig, die islamistische Bedrohung nicht zu verharmlosen oder zu rechtfertigen. Man muss dieser Ideologie ins Auge sehen und ihre totalitäre und verabscheuungswürdige Natur erkennen. Wenn man sich erstmal dessen bewusst ist, kann man damit nüchterner umgehen und Hysterie vorbeugen. Solange sich viele in die beruhigende Illusion flüchten, der Terror sei lediglich eine Reaktion auf “falsche” Aussenpolitik oder auf die Diskriminierung von Muslimen, werden militante Islamisten in ihren vorgeschobenen Rechtfertigungen und ihrer selbstauferlegten Opferhaltung bestätigt. Umso unüberlegter und überstürzter würden gesetzgeberische Reaktionen ausfallen, sollte es einmal zu einem Terrorakt in Deutschland, Frankreich oder gar der Schweiz kommen und Bush und Blair nicht mehr als Sündenböcke taugen.