Keine Entführungen in den Palästinensergebieten?
André Marty, Nahost-Korrespondent des Schweizer Fernsehens, weiss, dass seine “Beiträge genau unter die Lupe genommen werden”. Ich tu’ ihm den Gefallen und tippe erstmal ab, was er gestern in diesem Beitrag berichtete (10vor10 vom 14.03.06). Auf die Frage nach dem Sinn von Entführungen antwortete er folgendermassen:
Schauen Sie, Susanne: Wir sind hier nicht in Bagdad - zum Glück, muss ich sagen - das heisst, hier sind ganz andere Organisationen am Werk als eben die fanatischen, religiös, teilweise zumindest, motivierten Organisationen/Gruppierungen, die im Irak tätig sind. So wurden beispielsweise in den palästinensischen Gebieten bisher nie Geiseln über allzu lange Zeit festgehalten und erfreulicherweise natürlich - auch nie kam jemand wirklich zu Schaden. Es wurde nie jemand umgebracht.
Diese Aussage ist nachweislich falsch. Am 21. September letzten Jahres wurde der 55-jährige israelische Geschäftsmann und Familienvater, Sasson Nuriel, von zwei Mitarbeitern entführt und nach Ramallah verschleppt. In einer Wohnung wurde er zu Äusserungen vor einer Videokamera gezwungen. Das Band sollte zur Freipressung palästinensischer Häftlinge dienen. Doch seine Entführer gerieten in Panik und ermordeten ihn. Seine Leiche wurde auf einer Müllhalde westlich von Ramallah gefunden. Zur Tat bekannte sich die Hamas. (Quelle)
Es war der letzte Gewaltakt jener Organisation, die mittlerweile die Wahlen gewonnen hat und sich demokratisch gibt. Jene Organisation, die ihre Geiseln vor grünen Fahnen knien lässt und in deren Charta ca. 150 mal das Wort “Islam” (bzw. “islamisch”) vorkommt. Trotzdem sieht André Marty keine fanatischen, religiös motivierten Gruppen in den palästinensischen Gebieten. Der Name “Islamischer Dschihad” einer anderen Terrororganisation muss wohl auch rein zufällig sein.
Natürlich hat Marty Recht, dass im Irak andere Gruppen tätig sind. Hauptsächlich der irakische Al-Qaida Ableger unter Musab Al-Sarqawi, der mit noch grösserer Brutalität vorgeht als palästinenische Terrororganisationen. Entführungen in den Palästinensergebieten waren bisher, verglichen mit dem Irak, relativ selten. Die Hamas wird für neun ähnliche Fälle seit 1989 verantwortlich gemacht (Quelle).
Inspiriert wurde dieser Blogeintrag durch die Initiative HonestReporting.
Nachtrag vom 16.03.06
André Marty hat auf eine kurze Mail meinerseits an die 10vor10 Redaktion folgende Antwort geschrieben:
zu recht monieren sie in ihrem mail, dass am 21. september 2005 ein israelischer geschäftsmann in der nähe von ramallah ermordet worden ist. im fall von nuriel sasson handelt es sich allerdings nicht um einen entführten ausländer, von denen an jenem tag und in der berichterstattung von 10vor10 die rede war. ich teile aber ihre ansicht, dass jedes menschenleben, das in diesem konflikt zu schaden kommt, ein verlust ist. insofern bedaure ich, dass meine aussage zu dieser irritation geführt hat.
mit freundlichen grüssen
andré marty
Ich bleibe dabei, dass die Aussage auch in ihrem Kontext zumindest missverständlich war, habe aber ein gewisses Verständnis, wenn dies in einer Live-Berichterstattung vorkommt.

