Freie Gedanken

“Das Individuum ist das Wichtigste”

von Bastian am 29.05.06

Ein lesenswertes Interview in der NZZ vom Samstag mit drei Schweizer Ökonomieprofessoren darf hier nicht unerwähnt bleiben. Die beste Antwort von Silvio Borner:

Wettbewerb ist eher ein Instrument, individuelle Freiheit dagegen so etwas wie ein oberstes Ziel. Was sind Ihre obersten Werte, ist das, wie Kritiker gelegentlich behaupten, einfach die Effizienz?

Borner: Sehr verkürzt kann man sagen, das Individuum ist das Wichtigste. Natürlich kann das Individuum nicht allein überleben. Deshalb ist der Wettbewerb nicht einfach ein Instrument neben anderen, sondern er hat einen Wert an sich, weil er ein Koordinationsmechanismus ist, der - wie wir seit Adam Smith wissen - die individuelle Freiheit intakt lässt. Wettbewerb ist nicht nur wegen der Effizienz wichtig, sondern auch wegen der offenen Gesellschaft (im Sinn Karl Poppers). Die Wirtschaft ist nicht etwas Egoistisches, wir brauchen keine gesellschaftlichen und ethischen Korrektive. Vielmehr liegt im Wettbewerb selber eine ethische Dimension. Das unterscheidet mich fundamental von den Kollegen, die diese Bewegung gegründet haben, die auch im NZZ-Inlandteil Gehör findet. Da sehe ich keine Kompromiss-Chance, das sind für mich Kollektivisten, die sich - das Schönste am Ganzen - das Mäntelchen des sozialen Liberalismus umhängen.

Das ist ja fast paradox: Alle wollen Liberale sein.

Borner: Und diejenigen, die es wirklich sind, werden als Neoliberale beschimpft.

Er spielt auf die Bewegung “kontrapunkt” an, der z.B. der Wirtschaftsethiker Peter Ulrich angehört und die sich für “Liberale” halten, jedoch viel mehr Sozialisten und intellektuelle Gesellschaftskonstrukteure sind.

Über den Kapitalismus

von Bastian am 01.05.06

Das Blog für einige Zeit zu vernachlässigen, hat auch positive Aspekte. So kam ich endlich dazu, das Kapitalistische Manifest des liberalen “Popstar-Ökonomen” Johan Norberg zu lesen und kann es danach nur weiterempfehlen. Mit einer Vielzahl an Statistiken und Studien widerlegt Norberg attac und co. Seine Texte sind für jedermann leicht zu verstehen, bieten aber auch eingefleischten Liberalen und Kapitalismusverfechtern neue Einsichten und Argumente. Zur Feier des Tages hier zwei Zitate.

So etwas wie die Essenz des Kapitalismus:

Kapitalismus bedeutet Freiwilligkeit ohne äusseren Zwang. Wir brauchen bestimmte Verträge oder Geschäfte nicht abzuschliessen, wenn wir eine andere Lösung für besser halten. Die einzige Möglichkeit auf einem freien Markt reich zu werden besteht daher darin, den Menschen etwas zu geben, das sie haben wollen und für das sie freiwillig Geld bezahlen. Damit ein Geschäft zustande kommt, müssen beide Parteien das Gefühl haben, davon zu profitieren. Wirtschaft ist kein Nullsummenspiel. Etwas vereinfacht könnte man sagen: Je grösser die Einkommen der Menschen sind, desto mehr haben sie getan, um anderen das anzubieten, was sie haben wollen.[…]

In einer Marktwirtschaft kann man eine gute wirtschaftliche Position nur halten, indem man seine Produktion verbessert und den Leuten gute Waren oder Dienstleistungen anbietet. Nur in einer zentralistisch gesteuerten Wirtschaft mit Vergünstigungen und Monopolen für favorisierte Gruppen werden die herrschenden Verhältnisse zementiert. Wer Beziehungen hat oder Bestechungsgelder zahlen kann, oder wer die Zeit und das Wissen hat, sich durch dicke Bände mit Vorschriften zu arbeiten, der darf eine Firma gründen oder Handel treiben. Die Armen erhalten nie eine Chance, nicht einmal zur Gründung solch einfacher Unternehmen wie einer Bäckerei oder eines Krämerladens. In einer kapitalistischen Gesellschaft kann jeder sein Glück versuchen, der Ideen und den nötigen Willen hat, auch wenn er nicht zu den Günstlingen der Herrschenden gehört.

Viele Globalisierungsgegner sehen durch den internationalen Markt die Demokratie in Gefahr. Was sie wirklich fürchten, sind Wahlmöglichkeiten für die Individuen und was sie gefährdet sehen, ist die unbeschränkte Macht des Staates:

Für manche Leute ist allein die Vorstellung, dass der Markt die Politik bewertet, undemokratisch. Sie sind der Ansicht, die Kreditgeber sollten ruhig sein und bereitwillig ihr Geld zur Verfügung stellen, auch wenn die Gefahr besteht, dass die Staaten es durch ihre inflationäre Politik verspielen. Und wenn Steuerzahler ihr Sparkapital im Ausland anlegen, betrachten sie das ebenfalls als undemokratisch. Aber es geht nicht gegen die Demokratie, wenn man auf eine Politik reagiert, um seine eigenen Interessen zu schützen. Das wäre nur der Fall, wenn man Demokratie mit totaler staatlicher Kontrolle und absoluter Loyalität gegenüber dem Willen der Machthaber gleichsetzt. Dann müssten aber nicht nur die Einschätzungen der Finanzmärkte, sondern auch die Lohnforderungen der Gewerkschaften und die kritischen Nachforschungen von Journalisten undemokratisch genannt werden. Aber genau das käme einer Diktatur, die vollständige Unterwerfung fordert, viel näher als einer Demokratie mit bürgerlichen Freiheiten.
Im Grunde genommen meinen diese Kritiker ja auch nicht, dass der Markt die Demokratie bedroht, sondern sie sehen ihn als Bedrohung der Politik, die die Demokratien ihrer Ansicht nach betreiben sollen, nämlich verstärkte staatliche Kontrolle der wirtschaftlichen Entscheidungen der Menschen. Aber natürlich klingt die Behauptung eindringlicher, der Markt bedrohe die Demokratie, als wenn man erklärt, er bedrohe die Kontrolle des Staates über unser wirtschaftliches Handeln. Warum sollte das demokratischer sein, nur weil ein demokratischer Staat über uns bestimmt?

Einen erholsamen 1. Mai wünsche ich. Ich darf heute arbeiten (bzw. an die Uni). Ich habe das Glück in einem Kanton zu studieren, in dem keine sozialistischen Feiertage existieren (leider auch keine kapitalistischen). ;-)

Sofsky über Freiheit

von Bastian am 08.04.06

Eine Freiheit, die nicht mißbraucht werden kann, ist keine. Freiheit schließt nicht die Pflicht ein, Gutes zu tun. Bosheiten sind nicht das Ergebnis der Freiheit, sie sind ihr Beweis. Freiheit ist keine Tugend, sondern die Voraussetzung aller Tugend.

Ein bemerkenswertes Zitat aus Wolfgang Sofskys Essay in der Welt von heute. Lesenswerte Gedanken zu Zensur und Meinungsfreiheit vor dem verblassenden Hintergrund des Karikaturenstreits.

Der kleinste politische Test der Welt

von Bastian am 06.03.06

In Zeiten, in denen sich jeder, der für Homoehe und Grundeinkommen eintritt, für “liberal” hält, schafft dieser kleine Test etwas Klarheit. Letzten Endes geht es immer um die eine Frage: Wer soll entscheiden? Entscheiden Sie über ihr Leben, ihren Körper und ihr Eigentum oder entscheidet der Staat darüber? Ernüchtert stellt man fest, dass in der Schweiz in mehr als der Hälfte aller Fragen der Staat für das Individuum entscheidet.

Der Test, der auf der sogenannten Nolan Chart basiert, verwendet amerikanische politische Bezeichnungen. Die “libertarians” sind die Liberalen. Die “liberals” die Sozis.

P.S. Wen mein Ergebnis interessiert: 100/95

Index des Wohlstands

von Bastian am 06.01.06

Die Heritage Foundation und das Wall Street Journal haben den diesjährigen Index of Economic Freedom veröffentlicht. Wie steht es um die wirtschaftliche Freiheit in der Schweiz?

Die Schweiz gehört zur Gruppe der freien Staaten, ist jedoch vom 11. auf den 15. Platz zurückgefallen und schneidet gegenüber letztem Jahr etwas schlechter ab. Verschlechtert hat sich die Bewertung im Bereich “Banking”. Als Grund werden die 24 Kantonalbanken genannt, die für ca. 14% aller Vermögenswerte verantwortlich sind. Jedoch kann dies nicht wirklich als Verschlechterung der wirtschaftlichen Freiheit gewertet werden, schliesslich existierten die staatlichen Banken auch letztes Jahr. Weitreichende Regulierungen, was Baugesetze, Öffnungszeiten, Arbeitsgesetze etc. betrifft, bescheren der Schweiz im Bereich “Regulation” die schlechtesten Noten aller Bewertungskriterien.

Die Bedeutung der wirtschaftlichen Freiheit für den Wohlstand in der Welt verdeutlicht diese Grafik auf eindrückliche Weise:

Wirtschaftliche Freiheit und BIP pro Kopf

Das Pro-Kopf-Einkommen in den wirtschaftlich freien Ländern ist mehr als doppelt so hoch wie dasjenige in den grösstenteils freien (”mostly free”) Ländern. Einen ebenfalls interessanten Vergleich zwischen wirtschaftlicher Freiheit und Lebenserwartung gibt es hier.

Kein verwässerter Liberalismus

von Bastian am 31.12.05

Bevor die Champagnerkorken knallen, sei es mir noch erlaubt, auf den hervorragenden Leitartikel im heutigen Wirtschaftsteil der NZZ aufmerksam zu machen. Er passt so wunderbar zu meinem vorletzten Post, in dem es mir um die Verteidigung des Liberalismus gegen die Verwässerung von links ging. Gleichzeitig ist es der Abschluss der Liberalismus-Debatte in der NZZ. Einige Auszüge:

[Es] kann dazu verführen, Strömungen, die den Lackmustest des «In dubio pro libertate» nie bestehen würden, der liberalen Familie zuzurechnen, nur weil sie sich selbst liberal nennen. Wie unsinnig das ist, zeigt etwa die Tatsache, dass in den USA «liberal» de facto «sozialdemokratisch» bedeutet. Deshalb braucht es eine minimale Begriffsschärfe, wenn Liberalismus nicht blosse Beliebigkeit bedeuten soll.

Die Notwendigkeit einer gewissen Abgrenzung gilt auch mit Blick auf eine andere, verwandte Tendenz, nämlich jene, den Begriff der Toleranz zu überdehnen. Freiheit verlangt, auch wenn dies in Zeiten des Wohlstands und des Friedens gerne vergessen geht, einen leidenschaftlichen Einsatz; sie will immer wieder neu errungen werden. Wer sich aber für die Freiheit einsetzt, wird zwar selbstverständlich Meinungs- und Gedankenfreiheit postulieren, jedoch nicht so weit gehen, vor lauter falsch verstandener Liberalität alle Positionen als gleich gewichtig und gleich «wahr» anzusehen. Und er wird die Toleranz, dieses unabdingbare Charakteristikum liberalen Denkens, nicht leichtfertig jenen gewähren, die ihrerseits nicht gewillt sind, Andersdenkende zu respektieren.[…]

Freiheit ist nie grenzenlos; die Natur und die Freiheit der Mitmenschen bilden legitime Einschränkungen. Solche Verwirrung der Begriffe führt dann unter Missbrauch der Flagge des Liberalismus zu einer Gesellschaft uferloser Ansprüche. Wenn Armut und Mangel, Behinderung und Krankheit, Leistungsunfähigkeit, ja selbst Leistungsunwilligkeit mit Unfreiheit gleichgesetzt werden, wird ihre Bekämpfung vermeintlich zur liberalen Aufgabe. So wird der Begriff der Freiheit ausgehöhlt, ohne dass die Menschlichkeit befördert würde. […]

Es ist dem Liberalismus geradezu als Aufgabe gestellt, zu helfen, dass die Freiheit nicht unter die Räder des Populismus und hochgehender Emotionen gerät. Dabei könnte die persönliche Glaubwürdigkeit jener, die als Wirtschaftsführer - wenn auch oft zu Unrecht - mit dem Liberalismus assoziiert werden, mit der es anhaltend hapert, sicher mehr bewirken als das soziale Aufpäppeln des Liberalismus durch Verwässerung und Beimischung ihm fremder Ingredienzen. Noch wichtiger aber wird es sein, mit Beharrlichkeit für Nüchternheit und Realismus einzutreten, auch und gerade dort, wo es unbequem und unpopulär ist. Sonst wird es schwierig werden, den säuselnden Einflüsterern, die unter dem Deckmantel des Liberalismus Nivellierung und Staatsgläubigkeit verkaufen, Paroli zu bieten.

Unbedingt den ganzen Artikel lesen. Ebenfalls empfehlenswert ist dieser Artikel von Peter J. Boettke, einem “austrian” Wirtschaftsprofessor.

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